Berlin, 29.05.2020 - Wer sich über eine Erkrankung informiert, stolpert häufig über den Begriff „Risikofaktor“. Doch: welche gesundheitlichen Risikofaktoren gibt es? Wie ermittelt man sie und worauf sollte ich achten, wenn ich mich zu meinem persönlichen Risiko informiere? Eine Erklärung am Beispiel Rauchen.

Unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden unterliegen den unterschiedlichsten Einflüssen. Auf einige davon können wir selbst einwirken, auf andere nicht. Übergewicht, Rauchen oder Bewegung sind Beispiele für Verhaltensweisen, die man selbst beeinflussen kann. Das Alter oder genetische Voraussetzungen dagegen sind nicht beeinflussbar. Trotz allem können all diese Beispiele Auswirkungen auf die Gesundheit haben. In der Medizin spricht man daher von Risikofaktoren.

Was sind die häufigsten Risikofaktoren? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Laut einem WHO-Bericht zu globalen Gesundheitsrisiken von 2009 können rund ein Drittel aller weltweiten Todesfälle auf letztlich zehn Risikofaktoren zurückgeführt werden. Bei acht davon handelt es sich um sogenannte beeinflussbare Risikofaktoren, also Faktoren, auf die man selbst einwirken kann. In Deutschland zählen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) u.a. ungesunde Ernährung, Bluthochdruck, Rauchen, Adipositas und übermäßiger Alkoholkonsum zu den häufigsten verhaltensbedingten Risikofaktoren. Auf welche Risikofaktoren Sie selbst Einfluss nehmen können, um die unterschiedlichen Auswirkungen auf die Gesundheit zu verringern:

Ungesunde Ernährung Bluthochdruck Rauchen Übergewicht Übermäßiger Alkoholkonsum

Einige Risikofaktoren können wir allerdings nicht beeinflussen - wenn es sich z.B. um das Alter, das Geschlecht oder die genetische Veranlagung handelt.

Wie wird ein Risikofaktor ermittelt? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Risikofaktoren werden auf Basis von Studien ermittelt, deren Ergebnisse statistisch ausgewertet werden. In der Regel vergleicht man eine Gruppe, z.B. Raucher, mit einer Kontrollgruppe, z.B. Nichtrauchern. Dabei schaut man, wie häufig eine vorher bestimmte Krankheit ausgebrochen ist. Aus diesen beiden Patientengruppen errechnet sich dann der Faktor für das relative Risiko, an einer bestimmten gesundheitlichen Störung zu erkranken. 

Die Ermittlung des Risikofaktors am Beispiel Rauchen:

Ob Raucher oder Nichtraucher - grundsätzlich hat jeder Mensch ein bestimmtes Risiko, im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs zu erkranken. Wer mit dem Rauchen anfängt, erhöht bekanntlich sein Risiko, Lungenkrebs zu bekommen. 

Wie sind Forscher auf diesen Zusammenhang gestoßen? Ein Rückblick in die Geschichte

Wie kann man herausfinden, ob ein Faktor tatsächlich das Risiko erhöht, eine bestimmte Krankheit zu bekommen oder an ihr zu versterben? Dafür können sogenannte Beobachtungsstudien durchgeführt werden. Bei einer Beobachtungsstudie wird eine bestimmte Anzahl an Menschen über einen längeren Zeitraum beobachtet, bspw. in dem man sie regelmäßig nach ihren Verhaltensweisen fragt. Das können unter anderem Schlafgewohnheiten, sportliche Aktivität, die Ernährung oder auch das Konsumverhalten sein.

So kann an unserem Beispiel mit einer Beobachtungsstudie geprüft werden, ob Rauchen ein Risikofaktor für das Sterben an Lungenkrebs darstellt oder nicht:  
In die Beobachtungsstudie wird eine ausreichend große Anzahl an Menschen aufgenommen, z.B. 10.000 Erwachsene. Wichtig ist, dass diese Menschen zu Beginn der Studie noch keinen Lungenkrebs haben. 

Im nächsten Schritt werden die Probanden gefragt, ob sie Raucher oder Nichtraucher sind. Nun werden sie über einen vorher festgelegten Zeitraum beobachtet. In unserem Fall sind es zehn Jahre. Immer, wenn jemand während dieser Zeit an Lungenkrebs stirbt, wird dies notiert.

Am Ende der Studie wird gezählt, wie viele Lungenkrebs-Todesfälle unter den Nichtrauchern und den Rauchern auftreten. Sie werden zur jeweiligen Gesamtzahl der Teilnehmer ins Verhältnis gesetzt. So lässt sich das Risiko berechnen, als Nichtraucher an Lungenkrebs zu versterben und das Risiko, als Raucher an Lungenkrebs zu sterben. Diese zwei Risiken werden verglichen. 

Dabei kommt heraus, dass das Risiko an Lungenkrebs zu versterben in der Gruppe der Raucher größer ist als in der Gruppe der Nichtraucher: Es steht also fest, dass Rauchen einen Risikofaktor für das Sterben an Lungenkrebs darstellt.

Woher weiß man, wie groß das Risiko genau ist? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Aus einer solchen Beobachtungsstudie kann auch das Ausmaß der Risikoerhöhung ermittelt werden: Dafür gibt es verschiedene mathematische Herangehensweisen:

„Absolutes Risiko“ „Relatives Risiko“

Hinweis: 

Wenn man in Medien über Studienergebnisse liest, wird oft über relative Risiken berichtet. Doch ohne den Kontext des absoluten Risikos kann eine solche Information in die Irre führen. Absolute Risikozahlen sind erforderlich, um das Ausmaß des relativen Risikos einzuschätzen, und zu verstehen, wie bestimmte Faktoren und Verhaltensweisen die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Erkrankung oder Gesundheitszustände beeinflussen können. 

Ursache oder Zufall? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Woher weiß man, dass es wirklich am Rauchen liegt, wenn Menschen ein erhöhtes Risiko haben, an Lungenkrebs zu versterben? Diese Frage kann aus Beobachtungsstudien so nicht beantwortet werden! Sobald nämlich von Risikofaktoren gesprochen wird, ist eine Ursachen-Wirkungs-Beziehung per se nicht gegeben. Ein Beispiel: Menschen, die dem Beruf des Schlossers nachgehen, müssen viel Schweißarbeit verrichten. Dabei atmen sie oft kleinste Metall-Partikel ein, die Lungenkrebs verursachen können. Dann könnte das erhöhte Lungenkrebs-Sterberisiko unter den Rauchern in der Studie eigentlich am Schweißen statt am Rauchen gelegen haben. Beobachtungsstudien können demnach zwar wichtige Hinweise geben, aber keine konkrete Antwort darauf, ob eine bestimmte Verhaltensweise tatsächlich zu einer bestimmten Erkrankung führt.

Die beste Lösung in der Wissenschaft, um eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zu untersuchen, ist die randomisiert-kontrollierte Studie. Doch dieses Verfahren ist hier nicht möglich, denn: Die Forscher dürfen aus ethischen Gründen Menschen nicht wissentlich einer Gefahr aussetzen, was beim Rauchen der Fall wäre. 
Daher müssen andere Wege gefunden werden, um anhand von Beobachtungsstudien Aussagen zur Ursache-Wirkungs-Beziehung machen zu können.

Welche Hinweise für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung gibt es? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Ob zwischen einem Risikofaktor wie Rauchen und einer Erkrankung wie Lungenkrebs eine Ursache-Wirkungs-Beziehung besteht, können folgende Hinweise zeigen:

  1. Zeitliche Abfolge: Der Risikofaktor muss dagewesen sein, bevor die Erkrankung aufgetreten ist. Man hat also geraucht, bevor man Lungenkrebs bekommen hat.
  2. Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr man dem Risikofaktor ausgesetzt ist, desto höher sollte das Erkrankungs-Risiko sein. Je mehr Zigaretten pro Tag geraucht werden, umso höher ist das Risiko, im Laufe des Lebens an Lungenkrebs zu erkranken.
  3. Schlüssige Ergebnisse über verschiedene Studien hinweg: Unabhängig von der Studie und dem Studienort sollten ähnliche Ergebnisse erzielt werden.
  4. Ursache-Wirkungs-Beziehung sollte biologisch erklärbar und einleuchtend sein: So werden z.B. auf Zell-Ebene Versuche mit Zigarettenrauch durchgeführt. Diese beweisen, dass die Zellen durch Tabakrauch Schäden im Erbgut davontragen und Krebs bilden können.
  5. Sauber durchgeführte Studien: Die Studien sollten methodisch gut durchgeführt worden sein. Dann können Fehler in den Ergebnissen besser ausgeschlossen werden. So können Zufälle wie oben beschrieben (mit der erhöhten Anzahl an Schlössern in der einen Gruppe) mathematisch ausgeglichen werden.

All diesen Hinweisen wurde auch im Fall Rauchen als Risikofaktor für Lungenkrebs nachgegangen. Dabei hat sich gezeigt, dass eine Ursache-Wirkungs-Beziehung in diesem Fall angenommen werden kann. Man geht also davon aus, dass Rauchen zu Lungenkrebs führen kann. Genauso wie mittlerweile als gesichert gilt, dass Rauchen auch für andere Krankheiten ursächlich sein kann. Dazu zählen z.B. die Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und die Arterienverkalkung (Atherosklerose).

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