Berlin - 21.05.2019 - Lange Wege zum Arzt in ländlichen Regionen, stundenlanges Sitzen im Wartezimmer, wenn eine Krankschreibung oder ein Rezept benötigt wird, auch in der Stadt. Dies könnte sich bald ändern ‒ mit der Einführung von Online-Sprechstunden. Durch die Lockerung des Fernbehandlungsverbots hat der Deutsche Ärztetag den Weg dafür frei gemacht. 

Patienten können nun in vielen Bundesländern auch ohne vorherigen Arztbesuch via Telefon oder Videochat behandelt werden. Dies war aufgrund des Verbots der ausschließlichen Fernbehandlung bisher nicht möglich. Mitte 2018 hat der Ärztetag aber einer Lockerung der ärztlichen Berufsordnung zugestimmt: Eine Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien sollen „im Einzelfall“ nun erlaubt sein – unter bestimmten Bedingungen. Die meisten Landesärztekammern haben diese Regelung in ihre Berufsordnungen übernommen.

Fernbehandlungsverbot: Welche Regelung gilt jetzt?

Zwar dürfen schon seit 2017 Arzt und Patient in bestimmten Fällen via elektronische Kommunikationsmedien in Kontakt treten, etwa im Rahmen der Verlaufskontrolle bei Diabetes oder Herzkrankheiten. Dazu musste der Kranke jedoch zuvor vom Arzt begutachtet worden und die Krankheit bereits diagnostiziert worden sein. Erstdiagnosen per Telefon oder Videochat wie auch telefonische Erstberatungen waren bisher untersagt. 

Seit der Änderung der Musterberufsordnung für Ärzte gilt nun (§ 7 Abs. 4 MBO-Ä): „Eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über Kommunikationsmedien ist im Einzelfall erlaubt, wenn dies ärztlich vertretbar ist und die erforderliche ärztliche Sorgfalt insbesondere durch die Art und Weise der Befunderhebung, Beratung, Behandlung sowie Dokumentation gewahrt wird und die Patientin oder der Patient auch über die Besonderheiten der ausschließlichen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien aufgeklärt wird.“ 

Wie ist der aktuelle Stand bei der Online-Sprechstunde?

Damit die Fernbehandlung deutschlandweit eingeführt werden kann, müssen zunächst alle 17 Landesärztekammern der Lockerung des ausschließlichen Fernbehandlungsverbots zustimmen und die Berufsordnungen für Ärzte auf Länderebene ändern. 15 Länderkammern haben mittlerweile (Stand Mai 2019) für die Aufhebung des Verbots votiert. In Mecklenburg-Vorpommern steht die Entscheidung noch aus; Brandenburg hat sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen. 

Regelungsbedarf sehen Experten noch bei Fragen der Qualifikation und der Qualifizierung der Ärzte, des Datenschutzes und der Haftung bei fernmedizinischer Behandlung, ebenso wie die Frage, welche Gesundheitsprobleme und Therapiefelder durch eine telemedizinische Behandlung abgedeckt werden können und welche nicht geeignet sind oder erlaubt sein sollen. 
Außerdem muss eine zuverlässige, flächendeckende Infrastruktur eingerichtet sein. Offen ist auch, wie die Qualität der medizinischen Leistung gesichert werden soll und wer diese Prozesse steuert und überwacht. 

Wohl auch aus diesen Gründen sind viele Ärzte weiterhin zögerlich bei der Umsetzung. 2017, dem ersten Jahr, in dem eine Videosprechstunde in den Leistungskatalog der Ärzte aufgenommen wurde und damit abgerechnet werden konnte, wurden Videosprechstunden "noch nicht im nennenswerten Umfang erbracht" - wie es in einem Bericht des Bewertungsausschusses zur ambulanten telemedizinischen Leistungserbringung an die Bundesregierung heißt. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor. Für das Angebot einer Videosprechstunde werben dürfen Ärzte übrigens aufgrund des Heilmittelwerbegesetzes nicht.

Warum sollte das Fernbehandlungsgesetz gelockert werden? 

Nicht mehr wegen einer Erkältung eine Arztpraxis aufsuchen zu müssen, sondern auch diese Angelegenheit digital zu regeln, kommt den Patientenbedürfnissen entgegen: Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2017 würde jeder Vierte in Deutschland gerne mit seinem Arzt auch per Video-Chat kommunizieren. Und jeder Zweite ist der Meinung, sich mit Hilfe elektronischer Kommunikation besser und leichter mit Medizinern austauschen zu können. 

In anderen europäischen Ländern – z. B. Schweden und Großbritannien – ist eine Fernbehandlung bereits seit längerem möglich. Indem der Ärztetag den Weg für eine Fernbehandlung in Deutschland ebnet, möchte er dieses Feld nicht mehr der ausländischen Konkurrenz überlassen. Denn vor dem Hintergrund der freien Arztwahl in Europa ist es durchaus möglich, dass immer mehr Menschen von digitalen Arztbesuchen im Ausland Gebrauch machen. 

Profitieren sollen auch ländliche Regionen mit einer geringen Ärztedichte. Das bisherige Gesetz zum Fernbehandlungsverbot verhinderte, dass Patienten selbst bei Ärztemangel auf eine telefonische oder eine Online-Sprechstunde mit dem Arzt zurückgreifen konnten ‒ und behinderte somit auch eine mit dem E-Health-Gesetz und dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz von der Bundesregierung gestartete Initiative zur Förderung der wohnort- und patientennahen Versorgung. 

Grafik: Ärztemangel auf dem Land

Pro und Kontra: Was spricht für eine Online-Sprechstunde, was dagegen?

Mögliche Vor- und Nachteile und die nötigen regulatorischen Rahmenbedingungen einer Fernbehandlung werden derzeit kontrovers diskutiert. 

PRO-Argumente für die Fernbehandlung KONTRA-Argumente und Forderungen

Erste Ergebnisse: Wie laufen Modellprojekte zur Fernbehandlung? 

Erste Erfahrungen mit einer rein digitalen Sprechstunde hat das Modell-Projekt TeleClinic in Baden-Württemberg gesammelt. Seit 2016 dürfen Ärzte im Rahmen des Projekts Patienten per Videosprechstunde oder per Telefon behandeln und sogar Rezepte ausstellen. Rund die Hälfte aller Patienten können so abschließend behandelt werden, die andere Hälfte muss in einer Arztpraxis weiterbehandelt werden. Die Resonanz der teilnehmenden Ärzte und Patienten ist laut Betreiber positiv. [1]  Auch weitere Modellprojekte in Baden-Württemberg, z. B. „DocDirect“, berichten über einen positiven Start. Zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Patienten in die Online-Sprechstunde kommen, gehörten grippale Infekte oder Magen-Darmprobleme - so die Ergebnisse einer ersten Auswertung. Da viele Projekte erst 2018 angelaufen sind, steht eine umfassende Auswertung noch aus. 

Wie sieht es mit dem elektronischen Rezept aus? Button: Infokorb-Ablage In den Infokorb legen

Wer eine Videosprechstunde nutzt, möchte natürlich nicht wegen eines Rezeptes dann doch noch in die Praxis kommen müssen. Doch Rezepte dürfen Ärzte bisher nicht auf elektronischem Weg ausstellen. Zwar wäre das berufsrechtlich möglich, doch steht dem das Arzneimittelgesetz entgegen. Bis 2020 soll sich das ändern – zumindest wenn es nach den Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht. Das fälschungssichere Rezept soll dann auch im Rahmen einer Videosprechstunde verschrieben werden können.

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