Berlin, 08.05.2018 - Lange Wege zum Arzt in ländlichen Regionen, stundenlanges Sitzen im Wartezimmer, wenn eine Krankschreibung oder ein Rezept benötigt wird, auch in der Stadt. Dies könnte sich bald ändern ‒ mit der Einführung von Online-Sprechstunden. Dazu bedarf es allerdings gesetzlicher Änderungen. Ein Überblick zum Thema Fernbehandlungsverbot. 

Patienten sollen künftig auch via Telefon oder Videochat behandelt werden dürfen, ohne vorherigen Arztbesuch. Einen entsprechenden Antrag zur Prüfung des sogenannten ausschließlichen Fernbehandlungsverbots hatte die Bundesärztekammer (BÄK) beim letzten deutschen Ärztetag eingebracht. Erste Pilotprojekte laufen bereits. 

Zwar dürfen schon heute Arzt und Patient in einigen Fällen zur Festlegung des weiteren medizinischen Vorgehens via elektronische Kommunikationsmedien in Kontakt treten, z.B. im Rahmen der Verlaufskontrolle bei Diabetes oder Herzkrankheiten. Dazu muss jedoch ein persönlicher Kontakt vorab stattgefunden haben, an dem der Kranke hinsichtlich des bestehenden Gesundheitsproblems vom Arzt begutachtet worden ist und die Krankheit diagnostiziert wurde. Erstdiagnosen per Telefon oder Videochat wie auch telefonische Erstberatungen, Krankschreibungen oder das Ausstellen von Rezepten sind dem Arzt untersagt. So sieht es das sogenannte Fernbehandlungsverbot vor.

Gründe: Warum soll das Fernbehandlungsgesetz gelockert werden?

Wie eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2016 gezeigt hat, wünschen sich viele Menschen, Online-Sprechstunden beim Arzt wahrnehmen zu können. Gleichzeitig werden digitale Angebote, wie bspw. Apps, auch im Gesundheitsbereich immer stärker genutzt und die telemedizinischen Anwendungen entwickeln sich ständig weiter. 

Als ein großes Problem gilt zudem die schwindende Ärztedichte auf dem Land, die einen erforderlichen schnellen Arztbesuch oft verkompliziert oder gar unmöglich macht. Während in Städten wie Berlin oder Hamburg laut einer aktuellen Erhebung der Bundesärztekammer und des Statistischen Bundesamtes von 2017 statistisch gesehen ein Arzt für 159 bzw. 139 Einwohner zur Verfügung steht, entfallen in Brandenburg und Niedersachsen 251 bzw. 246 Einwohner auf einen Arzt. Das bestehende Gesetz zum Fernbehandlungsverbot verhindert, dass Patienten bei Ärztemangel auf eine telefonische oder eine Online-Sprechstunde mit dem Arzt zurückgreifen können ‒ und spielt somit auch gegen eine mit dem E-Health-Gesetz und dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz von der Bundesregierung gestartete Initiative zur Förderung der wohnort- und patientennahen Versorgung. 

Neuregelung: Was soll sich ändern?

In Zukunft sollen Patienten die Möglichkeit bekommen, auch ohne vorherigen persönlichen Arztkontakt, über elektronische Kommunikationsmedien, beispielsweise über das Internet, behandelt werden zu können. Derzeit laufen in Baden-Württemberg Pilotprojekte. Seit Oktober 2017 dürfen Patienten in Stuttgart und in Tuttlingen im Rahmen von „DocDirekt“ im Krankheitsfall, statt in die Praxis zu kommen, mit dem Arzt telefonieren: Der Kontakt läuft zunächst über eine geschulte medizinische Fachangestellte, die die Patientendaten erfasst und über die weiteren Schritte entscheidet – Notfall, erforderlicher Arztbesuch oder Telekontakt? Kommt eine telemedizinische Behandlung in Betracht, erhält der betroffene Patient ein Ticket und wird vom Telearzt angerufen oder via Videochat kontaktiert. Der Kontakt funktioniert auch via Handy-App. Um die Qualität der Beratung und Behandlung per Telefon und Computer zu sichern, werden die beteiligten Ärzte vorab professionell geschult. 

Grafik: Ärztemangel auf dem Land

Online-Sprechstunden: Wie profitiert der Patient? 

Laut dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) könnten Online-Sprechstunden „entscheidend zu einer barrierefreien Gesundheitsversorgung beitragen, indem sie lange Wartezeiten in den Praxen oder lange Anfahrtswege zur nächsten Arztpraxis reduzieren.“ Insbesondere könnten auch solche Patienten profitieren, „die sich unsicher sind, ob sie einen Arzt aufsuchen müssen“, heißt es in einer entsprechenden Stellungnahme der Verbraucherschützer. 

Pros und Kontras: Was sagen Experten und Akteure im Gesundheitswesen?

In vielen europäischen Ländern wie in der Schweiz, in Schweden oder Großbritannien, ist die Fernbehandlung via Kommunikationsmedien bereits fester Bestandteil der gesundheitlichen Versorgung. Auch in Deutschland gilt die bundesweite Lockerung des Fernbehandlungsverbots als wahrscheinlich, jedoch werden damit verbundene mögliche Vor- und Nachteile und die nötigen regulatorischen Rahmenbedingungen derzeit noch kontrovers diskutiert. 

PRO-Argumente für die Fernbehandlung KONTRA-Argumente und Forderungen

Ausblick: Wie geht es weiter?  

Derzeit sind noch viele Fragen rund um die Fernbehandlung offen. Geregelt werden müssen Fragen der Qualifikation und der Qualifizierung der Ärzte, des Datenschutzes, der Vergütung und der Haftung bei fernmedizinischer Behandlung, ebenso wie z.B. die Frage, welche Gesundheitsprobleme und Therapiefelder durch eine telemedizinische Behandlung abgedeckt werden können und welche nicht geeignet sind oder erlaubt sein sollen. Damit die Fernbehandlung deutschlandweit eingeführt werden kann, müssen zunächst die einzelnen Bundesländer der Gesetzesänderung über die Lockerung des ausschließlichen Fernbehandlungsverbots zustimmen und die Berufsordnungen für Ärzte auf Länderebene ändern. Ein wichtiger Aspekt neben der flächendeckenden Gewährleistung einer hochqualitativen Telematik-Infrastruktur, die derzeit noch nicht gegeben ist, ist zudem ein umfassendes Regularium u.a. zu den Fragen, wie die Qualität der medizinischen Leistung gesichert werden soll und wer diese Prozesse steuert und überwacht. 

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