Berlin, 28. Mai 2019 – Unfälle oder Krankheiten können von einem Tag auf den anderen alles verändern. Rund 9.400 Menschen in Deutschland warten aufgrund von Organerkrankungen oder -verletzungen auf ein Spenderorgan. Im vergangenen Jahr wurden laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation aber nur von 955 Verstorbenen in Deutschland Organe entnommen. Und weniger als die Hälfte der Menschen, die Organe spendeten, traf die Entscheidung zu Lebzeiten selbst. Oft wird sie Angehörigen überlassen. Die individuelle Auseinandersetzung mit der Organspende muss durch kompetente Informationsangebote weiter gestärkt werden, fordert die Stiftung Gesundheitswissen. 

Viele Deutsche treffen zu Lebzeiten keine Entscheidung

Liegt im Todesfall bei Eignung zur Organspende keine eigene Verfügung vor, werden die nächsten Angehörigen aufgefordert, eine Entscheidung im Sinne des Patienten zu treffen. Von den im Jahr 2018 laut Jahresbericht der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) an die Stiftung gemeldeten 1.037 nach Todesfeststellung und medizinischer Eignungsprüfung möglichen Organspendern in Deutschland, für die eine Einwilligung zur Organspende vorlag, hatten Betroffene in 43 Prozent der Fälle selbst ihre mündliche oder schriftliche Zustimmung zur Organspende erteilt. Bei 45,5 Prozent war die Entscheidung zur Spende aufgrund des vermuteten Willens des oder der Verstorbenen gefallen. Bei 11,6 Prozent basierte die Zustimmung zur Organspende auf der alleinigen Entscheidung der befragten Angehörigen. 

  • Wie entscheiden Angehörige in Deutschland zur Organspende?
  • Aus welchen Gründen entscheiden sich Angehörige für eine Organspende?
  • Aus welchen Gründen lehnen Angehörige eine Organspende ab?

Organspende: Wie entscheiden Angehörige?

Umfrageergebnisse zeigen noch immer hohen Informationsbedarf

Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die vom November 2017 bis Februar 2018 mit mehr als 4.000 Teilnehmern in Deutschland durchgeführt worden war, äußerten 44 Prozent der Befragten, dass sie gern mehr Informationen zum Thema Organspende hätten. 42 Prozent gaben an, noch keine Entscheidung zur Organspende getroffen zu haben. Als wichtigsten Grund nannten sie vor allem eine bislang fehlende oder ungenügende Beschäftigung mit dem Thema Organspende. „Wir müssen das Thema Organspende noch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken und durch kompetente Wissensvermittlung Entscheidungshilfen liefern. Dazu sind alle Gesundheitsinformations-Anbieter aufgerufen. Es ist wichtig, dass sich möglichst viele Menschen mit dem Thema auseinandersetzen“, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Gesundheitswissen, Dr. Ralf Suhr.

Im vergangenen Jahr spendeten erstmals wieder mehr Deutsche ihre Organe

Laut der statistischen Erhebungen von Eurotransplant war die Zahl der Menschen in Deutschland, die im Todesfall Organe spendeten, bis 2017 nahezu kontinuierlich gesunken. Lag sie im Jahr 2010 noch bei 1.271, waren es 2017 nur noch 769 Spender. Demnach spendeten im Jahr 2017 in Deutschland 502 weniger Verstorbene Organe als noch 2010 – ein Rückgang um fast 40 Prozent. Im Jahr 2018 stieg die Zahl der Organspender erstmals wieder an – auf 933. Dies ist ein Zuwachs von rund 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Eurotransplant erfasst dabei nur die Fälle, deren Organe entnommen wurden und tatsächlich transplantiert werden konnten. Insgesamt spendeten 2018 nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Organspende 955 Menschen in Deutschland nach ihrem Tod Organe. „Letztlich ist die Bereitschaft zur Organspende eine persönliche Entscheidung, die allen Respekt verdient. Ich glaube an die Aufklärung. Wissen kann helfen, Ängste zu überwinden und zu rationalen Entscheidungen befähigen, auch wenn die Themen stark emotional beladen sind“, betont Dr. Ralf Suhr. 

Wir als Stiftung Gesundheitswissen sehen eine wichtige Aufgabe darin, durch gut aufbereitete, seriöse Informationen Vertrauen aufzubauen und den Menschen ihre Ängste vor der Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende ein Stück weit zu nehmen.

Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen

Positive Signale:  Auch die Anzahl der Organspendeausweise steigt

Wie die BZgA mitteilt, ist auch die Zahl der Deutschen, die eine positive Einstellung zum Thema Organ- und Gewebespende haben, mit 84 Prozent auf das höchste Niveau seit Jahren gestiegen. Immer mehr Menschen besitzen auch einen Organspendeausweis. Waren es 2012 noch 22 Prozent, sind es im Jahr 2018 bereits 36 Prozent. Auch dies ging aus der Umfrage der BZgA, die Ende Mai 2018 veröffentlicht wurde, hervor. 

Dennoch: Deutschland gehört zu den europäischen Schlusslichtern bei der Organspende

Trotz dem aktuell positiven Trend gehört Deutschland weiterhin zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an Organspendern nach Tod. Zuständig für die Vermittlung aller Spenderorgane, die in Deutschland, Belgien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Ungarn und Slowenien verstorbenen Menschen zur Transplantation entnommen werden, ist die gemeinnützige Stiftung Eurotransplant. Die Vergabe erfolgt anhand einer Liste nach Dringlichkeit und Erfolgsaussichten der Transplantation. Deutschland profitiert von der höheren Spendebereitschaft in den anderen Teilnehmer-Ländern. Seit Jahren werden mehr Organe aus dem Ausland importiert als abgegeben, bilanziert die DSO in ihrem Jahresbericht 2018. Im Jahr 2018 wurden demnach 568 Spenderorgane nach Deutschland eingeführt, 421 gingen aus Deutschland in die anderen Eurotransplant-Länder. Die DSO verwies in diesem Zusammenhang in ihrem Jahresbericht zudem auf die Zahlen des Internationalen Registers für Organspende und -transplantation (Irodat 12/2018). Demnach wurden in Deutschland im Jahr 2017 nur 9,7 Organspenden pro 1 Million Einwohner realisiert, während bspw. in Belgien 33,6, in Kroatien 33,0 oder in den Niederlanden 14,4 Menschen pro 1 Million Einwohner Organe spendeten. 2018 waren es in Deutschland 11,5 Organspenden pro 1 Million Einwohner. 

Quellen und weiterführende Informationen