Berlin, 5.10.2018 – Viele Krankheiten sind mit Vorurteilen verbunden. Stereotype und falsche Annahmen können dann das Verhalten gegenüber den Erkrankten bestimmen. Ausgrenzung oder Diskriminierung ist die Folge. Doch warum stigmatisieren Menschen überhaupt? Und was bedeutet es für Betroffene und Angehörige? Die Stiftung Gesundheitswissen setzt sich mit Stigmatisierung am Beispiel Depression auseinander. 

Die Funktion des Stigmas – Warum stigmatisieren wir?

Mit dem Begriff des Stigmas beschäftigen sich Sozialwissenschaftler seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Erving Goffman und andere zeigen Funktionen sowohl auf der individuellen als auch gesellschaftlichen Ebene auf. Oft geht es dabei um Vereinfachung und Abgrenzung. Indem wir jemanden oder etwas stigmatisieren, vereinfachen wir die Realität. Das Stigma ist dabei eine Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften und Merkmalen, die Situationen vorstrukturieren und uns die Einstellung darauf erleichtern. Dadurch verringert sich unsere Unsicherheit und Entscheidungen fallen leichter. Besonders in einer Gesellschaft mit schnellen sozialen und räumlichen Veränderungen haben Menschen das Bedürfnis das Gegenüber einzuordnen. Einfach und positiv ausgedrückt: Stigmata helfen uns zum einen, etwas zu verstehen, was wir (zunächst) nicht begreifen oder begründen können. Zum anderen sind sie Ausdruck unserer Ablehnung. Sie schaffen Distanz und ersparen uns die Auseinandersetzung und Interaktion mit dem Stigmatisierten. 

Soziale Stigmata – Wer ist betroffen?

Das Wort Stigma stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Wundmal oder Stich. In Bezug auf ein soziales Stigma ist es also eine Art Brandmal, das im heutigen Sprachgebrauch eine Auffälligkeit, ein Anderssein, ein von der Norm abweichen kennzeichnet. Meist ist es ein Ausdruck der Abwertung. Stigmatisierung erfolgt in vielen Bereichen des Lebens. Oft sind Randgruppen der Gesellschaft betroffen. Beispiele für soziale Stigmata sind Armut oder Obdachlosigkeit, körperliche oder geistige Behinderungen, psychische Störungen, Krankheiten (z. B. HIV/AIDS), aber auch die sexuelle Orientierung oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität, Religion oder Volksgruppe. 

Auch bei psychischen Erkrankungen sind Menschen mit Stigmatisierung aus ihrem Umfeld oder der Gesellschaft allgemein konfrontiert. Trotz zahlreicher Aufklärungsversuche halten sich Vorurteile beharrlich. 

Stigma am Beispiel Depression – Was ist es in den Köpfen der anderen?

„Jeder hat mal einen schlechten Tag!“, „Reiß Dich zusammen!“ oder „Anderen geht es noch viel schlechter!“ Solche und andere Reaktionen sind nicht nur wenig hilfreich für Menschen, die depressiv sind. Sie verraten auch, welche Vorurteile über die Krankheit immer noch in den Köpfen der Menschen vorherrschen. Aber woran liegt es, dass Menschen, die in einer depressiven Episode sind, immer noch mangelnde Selbstdisziplin, Selbstmitleid oder gar Faulheit unterstellt wird? Und das, obwohl das Thema Depression mehr und mehr in den Medien besprochen und in Büchern, Filmen und Gesprächsrunden verarbeitet und beleuchtet wird? Grund für diese negative gesellschaftliche Einschätzung: Wir verstehen die Ursachen und Gründe von Depressionen noch nicht vollständig und wir können das Denken und Empfinden der Betroffenen auch nicht in Gänze nachvollziehen. Indem wir behaupten, hinter dem depressiven Verhalten verstecke sich Faulheit oder mangelnde Selbstdisziplin, machen wir es uns einfach und zeigen gleichzeitig: Ich bin nicht so. Ich bin nicht depressiv. Betroffene kämpfen dann mit einer doppelten Belastung: den Symptomen und Folgen einer Depression und den Stigmata, die mit ihr verbunden sind. 

Folge: Soziale Isolation

Die Abwertung und Distanzierung von Menschen beispielsweise mit einer depressiven Störung kann nicht nur dazu führen, dass Diagnose, Behandlung und Heilung hinausgezögert oder verhindert werden. Sie treibt Betroffene oft auch in die soziale Isolation, wenn zwischenmenschliche Beziehungen kaputt oder der Arbeitsplatz verloren gehen. Unterstützungsorganisationen berichten von Benachteiligungen durch Politik, private Versicherungsanbieter oder von diskriminierenden Darstellungen in den Medien. Obdachlosigkeit und Suizide können die Folge sein. 
Aufgabe muss es deshalb sein, die Auseinandersetzung mit dem Thema Stigmatisierung insbesondere im Zusammenhang mit Krankheiten zu fördern. Durch Aufklärung und gute Gesundheitsinformationen kann es gelingen, über Hintergründe, Ursachen und Folgen zu informieren und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind und Hilfe in Anspruch nehmen dürfen und sollten. 

Quellen Bildnachweis

Depressionen Bullshit-Bingo