Interview mit Dr. Iris Hauth

Berlin, 2.10.2018 - Wenn Menschen unter Depression leiden, hat dies weitreichende Auswirkungen, besonders auch auf die Angehörigen. Wie lässt sich eine Depression erkennen und wie kann man helfen, ohne alles noch schlimmer zu machen? Wo kann man im Notfall als Angehöriger selbst Hilfe bekommen, wenn einem die Situation zu entgleiten droht? Die Stiftung Gesundheitswissen hat nachgefragt bei Dr. Iris Hauth, ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Alexianer St. Joseph-Krankenhaus, Berlin-Weißensee, und Past-Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN). 

Frau Dr. Hauth, woran erkennt man eigentlich, dass jemand aus dem eigenen Umfeld von einer Depression betroffen ist?

Menschen, die an Depressionen leiden, zeigen in erster Linie Symptome wie starke depressive Verstimmungen, Freudlosigkeit und Interessenlosigkeit - auch an den Dingen, die ihnen bis dahin Freude gemacht haben oder die für sie interessant waren. Sie sind oft antriebslos und ziehen sich aus der Welt und den sozialen Kontakten zurück. Häufig kommen auch Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und eine verminderte Leistungsfähigkeit hinzu. Betroffene sprechen über Zukunftshoffnungslosigkeit. Ihr Gefühlsleben verändert sich, sowohl ihrer Umwelt gegenüber als auch gegenüber sich selbst. Dies kann sich zum Beispiel in Selbstwertproblemen ausdrücken. 

Gibt es hier Unterschiede zwischen jungen Menschen, Erwachsenen oder Älteren?

Bei den Symptomen gibt es wenig Unterschiede, aber die Auslöser einer Depression unterscheiden sich. Wir gehen heute davon aus, dass Depression einerseits durch eine vererbte Verletzlichkeit bedingt ist. Aber nicht nur dadurch allein, sondern auch durch akuten schweren oder längerfristigen bzw. chronischen Stress. Und der sieht natürlich bei Menschen in jüngeren Jahren anders aus als bei Menschen im höheren Lebensalter. Bei jungen Menschen stehen beispielsweise Dinge im Vordergrund wie die Persönlichkeitsfindung oder der Druck, unter den vielen Möglichkeiten, einen geeigneten Beruf für sich zu finden. Im Alter sind dies häufig Faktoren wie der Verlust des Berufs, zunehmende Einsamkeit oder körperliche Probleme.

Sollte man Personen bei Verdacht auf eine Depression darauf ansprechen und wenn ja, wie?

Auf jeden Fall sollte man sie ansprechen. Denn Menschen, die diese depressive Stimmung entwickeln, haben oft Schuldgefühle. Sie ziehen sich zurück und können nicht darüber sprechen, was mit ihnen geschieht. Insofern sind sie oft dankbar, wenn man sie dazu anspricht. Wichtig ist aber das „Wie“. Man sollte Sorge signalisieren: „Ich sehe, dass du keine Freude mehr hast.“, „Was können wir gemeinsam tun?“. Gute Ratschläge nach dem Motto: „Das geht schon wieder weg.“, Reiß dich mal zusammen!“ oder „Komm, wir machen doch mal was“, sind hingegen völlig fehl am Platz. Denn, wenn jemand von einer Depression betroffen ist, ist er durch seine Antriebslosigkeit, seine Verstimmung, so eingebunden, dass er das gar nicht kann. Gute Ratschläge setzen nur noch mehr unter Druck und können die Schuldgefühle verschlimmern.

Welche Möglichkeiten haben Angehörige, um zu helfen? Und wie weit sollte die Hilfe eines Laien gehen?

Auf jeden Fall ist es wichtig, immer wieder das Gespräch anzubieten und dem Betroffenen Verständnis für seine Situation zu signalisieren, ohne ihn zu sehr zu bedrängen. Auch mit Angeboten, ihn ein Stück weit zu unterstützen, kann man helfen.

Gute Ratschläge, sich zusammenzunehmen, sind bei einer Depression immer kontraproduktiv, sie setzen Betroffene nur noch mehr unter Druck.

Dr. Iris Hauth

Ab wann ist professionelle Hilfe unbedingt notwendig?

Wenn die Kernsymptome einer Depression, die depressive Verstimmung, die Interessen- und Freudlosigkeit und die Antriebslosigkeit, länger als zwei Wochen anhalten und schon so ausgeprägt sind, dass sie im Alltag spürbar sind, ist ärztliche Hilfe unbedingt erforderlich. Zeichen, die sich im Alltag bemerkbar machen können, sind zum Beispiel, dass Alltagsdinge wie das morgendliche Aufstehen oder das Zur-Arbeit-Gehen nur noch schwer bewältigt werden können.

Die Suizidrate unter Menschen mit Depressionen ist hoch. Woran können Angehörige ernste Suizidabsichten erkennen?

In der Tat wissen wir, dass von den knapp 10.000 Suiziden in Deutschland fast 90% durch psychisch erkrankte Menschen begangen werden und davon ein nicht unerheblicher Prozentsatz durch Menschen mit Depressionen. Etwa 10-15% der Menschen mit einer festgestellten schweren Depression begehen Suizid. Bei jungen Menschen bis zum 30. Lebensjahr ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache.

Der Rückzug aus der „Welt“ und aus den sozialen Beziehungen ist ein deutliches Warnsignal. Auch gesteigerte Selbstwertprobleme und eine totale Hoffnungslosigkeit für die Zukunft gehören dazu, vor allem, wenn solche Gedanken ausgesprochen werden. Wenn man merkt, dass der Betroffene Medikamente sammelt, ist das natürlich auch ein Warnsignal.

Was sollte man dann unternehmen?

Man sollte das offen ansprechen: „Ich merke, dass du dich immer mehr zurückziehst, dass du überhaupt keine Hoffnung mehr hast. Wenn man so schwere Depressionen hat, kann es auch dazu kommen, dass man nicht mehr leben möchte. Ist das bei dir der Fall?“. Und wenn das mit „Ja“ beantwortet wird, dann braucht der Betroffene sofort ärztliche Hilfe. Äußerungen wie „Ich habe überhaupt keine Perspektive mehr“, „Alles ist hoffnungslos“ sind akute Warnsignale. Sie sprechen genauso für einen Notfall wie eine akute körperliche Erkrankung. Im Zweifelsfall sollten Angehörige nicht zögern und den Notarzt (112) rufen, um sicherzustellen, dass sofort eine Vorstellung in einer Klinik für Psychiatrie erfolgt. Wird das Hilfsangebot verweigert, kann der sozialpsychiatrische Dienst hinzugerufen werden. In manchen Regionen, in Großstädten zum Beispiel, gibt es auch Krisendienste, die zu den Betroffenen nach Hause kommen.

Die Erkrankung kann auch für Angehörige belastend sein. Was können sie für ihre eigene psychische Gesundheit tun?

Das einfühlsame Begleiten ist sehr anstrengend, vor allem wenn die Erkrankung sehr lange geht. Wichtig ist, dass es Zeiten gibt, in denen man auftanken kann. Dies kann zum Beispiel sein, sich mit Freunden zu treffen oder sich ein „freies“ Wochenende zu nehmen und die Dinge zu tun, von denen man weiß, dass sie einem Spaß machen und Kraft geben. Weitere Möglichkeiten bietet das deutschlandweite Netzwerk der Angehörigenverbände, deren Angebote sich speziell an Angehörige psychisch erkrankter Menschen richten. Dort werden zum Beispiel Einzelberatungen durchgeführt und es gibt auch Gruppen, in denen man durch Gespräche, Austausch und Beratung Hilfe und Entlastung finden kann.

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