Studiencheck

Eine Behandlungsmöglichkeit bei Dranginkontinenz ist die Elektrostimulation des Schienbeinnervs (Nervus tibialis) mittels auf der Haut angebrachter Elektroden. Diese Form der Elektrostimulation des Schienbeinnervs nennt man auch transkutane Tibial-Nerv-Stimulation (TTNS). Dabei werden die Elektroden im Bereich des Innenknöchels aufgeklebt. Die Elektroden sind mit einem Gerät verbunden, das kurze elektrische Impulse mit geringen Stromstärken aussendet. Der Scheinbeinnerv ist nicht direkt an der Regulierung der Blasenentleerung beteiligt. Man geht aber davon aus, dass der Schienbeinnerv andere Nerven beeinflusst, die mit der Blasenentleerung im Zusammenhang stehen. Mit der Elektrostimulation soll verhindert werden, dass sich der Blasenmuskel zu häufig zusammenzieht und sich die Harnblase ungewollt entleert.

Im "Studiencheck Elektrostimulation des Schienbeinnervs mittels auf der Haut angebrachter Elektroden“ wurde der Nutzen und Schaden dieser Methode anhand von aktuellen wissenschaftlichen Studiendaten geprüft.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Zum Nutzen der transkutanen Elektrostimulation liegen acht, größtenteils kleine randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) vor, in denen die Methode gegenüber einer Scheinbehandlung untersucht wurde. 

Keine Dranginkontinenz mehr

Drei RCT untersuchten, wie viele Personen nach den Behandlungen keine Dranginkontinenz mehr hatten. Es konnte kein Unterschied zwischen der transkutanen Elektrostimulation und der Scheinbehandlung festgestellt werden. In beiden Gruppen hatten gleich viele Personen keine Dranginkontinenz mehr.

Verbesserung der Symptome

Sechs RCT untersuchten, ob sich die Inkontinenzbeschwerden verbesserten. Die Ergebnisse zu einer Verbesserung der Symptome einer Dranginkontinenz sind für eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 25 Wochen uneinheitlich, weshalb eine Wirkung der transkutane Elektrostimulation  nicht eindeutig feststellbar ist. In drei RCT  konnte keine Verbesserung im Vergleich zur Scheinbehandlung festgestellt werden, in drei RCT  zeigte sich eine Verbesserung durch die transkutane Elektrostimulation.

Verringerung der Inkontinenzepisoden

Vier RCT untersuchen, ob die Anzahl der Inkontinenzepisoden durch die transkutane Elektrostimulation abnahm. Bei erwachsenen Personen mit Dranginkontinenz scheint eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keiner Verringerung der wöchentlichen Inkontinenzepisoden zu führen. 

Verbesserung der Lebensqualität

Fünf RCT untersuchten, ob sich die Lebensqualität der behandelten Personen verbesserte. Bei erwachsenen Personen mit Dranginkontinenz scheint eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keiner Verbesserung der Lebensqualität zu führen.

Schaden von transkutaner Elektrostimulation

Drei RCT untersuchten, ob Nebenwirkungen bei der transkutanen Elektrostimulation auftraten. Bei einer transkutanen Elektrostimulation des Schienbeinnervs kommt es im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keinem vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen. In zwei der drei RCT  traten in beiden Gruppen gar keine Nebenwirkungen auf. In den Behandlungsgruppen waren 26 beziehungsweis 33 Personen; in den Vergleichsgruppen mit Scheinbehandlung waren 24 beziehungsweise 33 Personen. In einer RCT trat bei jeweils einer Personen pro Gruppe (mit jeweils 27 Personen) eine Nebenwirkung auf. Dies war bei beiden Betroffenen eine nicht komplett entleerte Blase.

Warum sind die Ergebnisse der Studien nicht zuverlässig?

Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist eingeschränkt, weil insgesamt nur 411 Patienten und Patientinnen in den Studien untersucht wurden, zu den Einzelnen Nutzen- und Schadensaspekten jeweils noch weniger, da nicht alle Studien alle Aspekte untersuchten. Ein Teil der Studien wies zudem Mängel in der methodischen Vorgehensweise auf. Dies kann die Ergebnisse beeinflusst haben. Das Vertrauen in die Ergebnisse ist daher eingeschränkt. Weitere Forschung könnte zu anderen Ergebnissen führen.

Wer hat an den Studien teilgenommen?

An den acht RCT nahmen Menschen teil, deren Dranginkontinenz auf einen Schlaganfall oder Parkinson zurückzuführen war, sowie ältere Menschen aus Pflegeheimen, bei denen keine körperliche Ursache für die Dranginkontinenz gefunden wurde. In einem der acht RCT waren alle Teilnehmer männlich, an drei RCT nahmen nur Frauen teil, in einem RCT betrug der Anteil der Männer 44% und einem weiteren RCT waren 20% Männer unter den Teilnehmenden. In den beiden anderen Studien finden sich keine Angaben zum Anteil der Geschlechter.

Das mittlere Alter der Teilnehmenden lag in einer Studie bei 85 Jahren, bei einer anderen bei 41 Jahren und in der restlichen bei 60 bis 67 Jahren.

Angaben zur Dauer der Dranginkontinenz lieferte nur eine Studie: Die Teilnehmenden waren in der Behandlungsgruppe im Mittel seit zwei Jahren und in der Vergleichsgruppe mit Scheinbehandlung im Mittel seit einem halben Jahr von Inkontinenzbeschwerden betroffen. Informationen über den Schweregrad der Inkontinenz enthielt keine der Studien.
An einer Studie durften auch Personen teilnehmen, die zusätzlich zur Elektrostimulation Medikamente zur Behandlung der Dranginkontinenz erhielten, wenn die Behandlung mit Medikamenten seit mindestens drei Monaten bestand und während der Studie nicht verändert wurde. Der tatsächliche Anteil der Personen in dieser Studie, die Medikamente einnahmen, ist dabei nicht bekannt. In den übrigen Studien fanden sich keine Aussagen zu einer möglichen medikamentösen Therapie vor oder während der Studie.

Durchgeführt wurden die Studien in Brasilien, Kanada und Großbritannien.

Die Informationen stellen keine endgültige Bewertung dar, sondern basieren auf den besten derzeit verfügbaren Erkenntnissen. Neue Studien können die Ergebnisse verändern.

Quellen Interessenkonflikte

Wissenschaftliche Beratung: PD Dr. med. Karl Horvath, Univ.Ass. Mag.rer.nat. Thomas Semlitsch (Beide Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Universität Graz)

Autorinnen und Autoren: Claudia Höppner, Michael Mibs

Erstellt am 05.12.2019. Zuletzt aktualisiert am 29.05.2024. Nächste geplante Aktualisierung: Mai 2029.