Prof. Dr. Gerd Antes, ehemaliger Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, im Interview

Berlin, 08.03.2019 - Ernährung ist seit längerem ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Während einerseits der Anteil an Übergewichtigen zunimmt, steigt andererseits die Zahl derer, bei denen die richtige Ernährung zu einer Ersatzreligion geworden ist. Sie verzichten auf Kohlenhydrate, Gluten oder Fleischprodukte. Eines aber ist ihnen allen gleich: Sie suchen Orientierung und Antworten, denn die hohe Anzahl an unterschiedlichen Botschaften zum Thema Ernährung verunsichert. Doch mit konkreten Empfehlungen tut sich die Wissenschaft oft schwer. Warum das so ist, erklärt Prof. Dr. Gerd Antes, bis Oktober 2018 Co-Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums am Universitätsklinikum Freiburg.

Wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen werden oft dafür kritisiert, dass sie nicht konkret und alltagstauglich sind. Warum ist das so?

Ich kann verstehen, dass die meisten Menschen gerne genau wissen wollen, mit welchen Lebensmitteln sie ihrem Körper etwas Gutes tun oder ihm schaden. Sind zwei Gläser Rotwein noch in Ordnung? Wieviel Vollkorn soll ich essen? Lieber Öl als Butter? Doch solch konkrete Ernährungsempfehlungen können Wissenschaftler eher selten geben. Das liegt an den Herausforderungen, denen sich die Wissenschaft allgemein und die Ernährungsforschung im Besonderen stellen muss.


Welche Herausforderungen sind das? Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

Ernährungsstudien sind oft als so genannte Beobachtungsstudien konzipiert. Das bedeutet, dass die Teilnehmer befragt werden, was sie in den letzten Monaten oder Jahren gegessen haben und wie sie ihren Gesundheitszustand einschätzen. Das Problem: Daran können sich die wenigsten Menschen genau erinnern oder sie schätzen es falsch ein. Zudem neigen Befragte in Studien dazu, sozial erwünschte Angaben zu machen, also ihre Ernährungsweise positiver darzustellen als sie ist. Das verzerrt die Ergebnisse und macht sie unzuverlässig.

Sind Ernährungsstudien also nicht brauchbar?

Doch, Beobachtungsstudien können durchaus ihren Sinn haben. Erst einmal ist es ja so, dass fast jede gut geplante und hochwertig durchgeführte Studie einen Erkenntnisgewinn mit sich bringt und unser Wissen erweitert. Das ist grundsätzlich positiv. Wir müssen uns nur ihrer Grenzen bewusst sein. Wie vertrauenswürdig sind die Ergebnisse? In Beobachtungsstudien lassen sich statistische Zusammenhänge, sogenannte Korrelationen herstellen. Solch ein Zusammenhang kann beispielsweise lauten: „Die Befragten, die pro Tag mindestens 100 Gramm Nüsse essen, hatten in den letzten 10 Jahren weniger Herzinfarkte.“ In solchen Fällen neigen wir dazu, eine Wirkung (in diesem Fall der Nüsse) anzunehmen, wo vielleicht ganz andere Ursachen dahinterstecken: Möglicherweise sind die Nährstoffe in Nüssen gesund – es kann aber auch der Fall sein, dass Menschen, die gerne Nüsse essen, sich generell gesünder ernähren. Diese Vertauschung von Ursache und Wirkung und damit der falsche Schluss auf Kausalität ist ein chronischer, nicht auszurottender Fehler bei der Auswertung solcher Studien. Deshalb sollten sich sowohl die Wissenschaftler als auch die Öffentlichkeit immer über die Grenzen eines Verfahrens und der dahinter liegenden Methodik im Klaren sein, bevor man Schlüsse aus den Ergebnissen zieht.

Und welche Methode ist geeignet um vergleichbare Aussagen zu treffen? 

Belastbarere Ergebnisse liefern randomisierte Interventionsstudien: Die Teilnehmer werden per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt. Nur eine Gruppe nimmt für einen bestimmten Zeitraum das untersuchte Lebensmittel zu sich, die andere Gruppe gilt als Vergleichs- oder Kontrollgruppe. 

Aber auch hier gibt es Einschränkungen… 

Das ist richtig. Wir nehmen fast immer eine Vielzahl von Lebensmitteln und damit auch von Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien auf, die dann zusammen ihre Wirkung entfalten. Es ist also nicht möglich wie bei Medikamenten, bei denen die Wirkung eines Stoffes gegenüber einem Placebo getestet wird, die isolierte Wirkung eines einzigen Lebensmittels zuverlässig zu ermitteln. Ernährungsstudien können aus ethischen Gründen nicht so konzipiert werden, dass die Probanden nur eine sehr eingeschränkte Anzahl von Lebensmitteln konsumieren dürfen. Auch praktisch wäre das im Allgemeinen undurchführbar, so dass Beobachtungsstudien mit allen bekannten Mängeln in den meisten Fällen der einzige Weg zu mehr Erkenntnis sind.

Wie Lebensmittel im Körper wirken, hängt von weiteren Faktoren wie dem Geschlecht, dem Alter, dem Gesundheitszustand und genetischen Faktoren ab. Man kann und muss einzelne Faktoren zwar in der Analyse statistisch „herausrechnen“, das ist jedoch nur für die bekannten und gemessenen Einflüsse möglich. Ihnen steht jedoch eine viel größere Zahl unbekannter Faktoren gegenüber, die dafür verantwortlich sind, dass Ernährungsstudien oft so massiv widersprüchliche Ergebnisse zeigen. 

Verbraucherinnen und Verbraucher wünschen sich aber konkrete Aussagen und keine widersprüchlichen Ernährungsbotschaften…

Natürlich ist das Interesse an Ernährungsthemen und an Studienergebnissen aus der Ernährungsforschung hoch. Es ist ja auch ein ganz existenzielles, lebensnahes Thema, dass unsere Gesundheit betrifft. Hier kommt den Medien eine wichtige Rolle zu. Zum Thema Ernährung jagt eine Schlagzeile die nächste. Es werden die neuesten Ernährungstrends präsentiert, die besten Diäten vorgestellt und die gesündesten Lebensmittel empfohlen. Dabei werden Ergebnisse von einzelnen Studien häufig als Wahrheiten präsentiert, obwohl einzelne Studien kaum Gewissheit bringen. Dieses isolierte Betrachten einzelner Studien und das mediale Hochkochen dieser Einzelergebnisse sehe ich problematisch. 

Würde man jede Studie als Erweiterung des vorhandenen Wissens betrachten, wäre viel Aufregung und Irreführung vom Tisch. Vielleicht gelingt es so, auch mit den Unsicherheiten, die Wissenschaft nun einmal mit sich bringt, besser umgehen zu lernen.

Prof. Dr. Gerd Antes

Wie sollte denn eine sachgerechte Ernährungskommunikation aussehen? Was würden Sie empfehlen?

Ernährungswissenschaftler wie auch -mediziner auf der anderen Seite sollten nicht müde werden, ein realistisches Bild der Studienergebnisse in die Öffentlichkeit zu tragen. Die meisten Wissenschaftler wissen um die möglichen Verzerrungen sowie Störfaktoren, kennen sich mit Studiendesigns aus und erfassen, was eine Studie zu einer „guten“ Studie macht. Die Medien und die Öffentlichkeit kennen die Fallstricke meist nicht. 

Verschiedene Studien zur gleichen Fragestellung weichen naturgemäß voneinander ab – oft auch sehr stark. Eine moderne Betrachtung sieht jede Studie im Kontext des bereits vorhandenen Wissens! Würde man jede Studie als Erweiterung des vorhandenen Wissens betrachten, wäre viel Aufregung und Irreführung vom Tisch. Vielleicht gelingt es so, auch mit den Unsicherheiten, die Wissenschaft nun einmal mit sich bringt, besser umgehen zu lernen.

Neben diesen methodischen Schwierigkeiten muss ein weiterer Aspekt mehr Aufmerksamkeit bekommen: Interessenkonflikte! Neben der Fehlinformation durch Inkompetenz gibt es systematische und vorsätzliche Fehlinformation über vermeintlich positive Effekte auf die Gesundheit – beispielweise die Behauptung, ein Lebensmittel wirke sich positiv auf das Immunsystem aus oder sei gut für die Knochen. Auf Englisch werden solche gesundheitsbezogenen Aussagen als Health Claims bezeichnet. In manchen Ländern müssen diese durch Studien belegt sein. Doch auch Aussagen wie „wie Studien zeigen“ sollten beim Verbraucher Alarmsignale auslösen und den Blick darauf richten, ob hier nicht ein Hersteller den Verkauf fördern will.