Wer sich über eine Erkrankung informiert, stolpert häufig über den Begriff „Risikofaktor“. Doch: welche gesundheitlichen Risikofaktoren gibt es? Wie ermittelt man sie und worauf sollte ich achten, wenn ich mich zu meinem persönlichen Risiko informiere? Eine Erklärung am Beispiel Rauchen.
Unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden unterliegen den unterschiedlichsten Einflüssen. Auf einige davon können wir selbst einwirken, auf andere nicht. Übergewicht, Rauchen oder Bewegung sind Beispiele für Verhaltensweisen, die man selbst beeinflussen kann. Das Alter oder genetische Voraussetzungen dagegen sind nicht beeinflussbar. Trotz allem können all diese Beispiele Auswirkungen auf die Gesundheit haben. In der Medizin spricht man daher von Risikofaktoren.
In der Medizin bezeichnet ein Risikofaktor bestimmte Gegebenheiten, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Erkrankung auftritt. Risikofaktoren können Verhaltensweisen sein wie etwa:
Aber auch Umweltbedingungen zählen dazu, wie z.B. verschmutzte Luft oder erhöhte Sonneneinstrahlung. Ebenso können Umstände, die man selbst nicht verändern kann, wie z.B. das Geschlecht oder Alter, Risikofaktoren sein.
Risikofaktoren bedeuten aber nicht, dass man tatsächlich erkranken muss. Schließlich bekommen nicht alle Raucher automatisch Lungenkrebs. Nur die Wahrscheinlichkeit zu erkranken erhöht sich.
Laut einem WHO-Bericht zu globalen Gesundheitsrisiken von 2009 können rund ein Drittel aller weltweiten Todesfälle auf letztlich zehn Risikofaktoren zurückgeführt werden. Bei acht davon handelt es sich um sogenannte beeinflussbare Risikofaktoren, also Faktoren, auf die man selbst einwirken kann. In Deutschland zählen laut Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) u.a. ungesunde Ernährung, Bluthochdruck, Rauchen, Adipositas und übermäßiger Alkoholkonsum zu den häufigsten verhaltensbedingten Risikofaktoren. Auf welche Risikofaktoren Sie selbst Einfluss nehmen können, um die unterschiedlichen Auswirkungen auf die Gesundheit zu verringern:
Eine ungesunde Ernährung kann ein Risikofaktor darstellen. Laut WHO konsumieren die Menschen mehr energiereiche Nahrung als empfohlen. Aber wer mehr Fette, Zucker und Salze zu sich nimmt als empfohlen und zu wenig Obst, Gemüse und Ballaststoffe wie Vollkornprodukte isst, hat ein hohes Risiko einer Gewichtszunahme, was wiederum ein Risikofaktor für weitere Folgeerkrankungen sein kann. Zudem steigt bei einer unausgewogenen Ernährungsweise das Risiko auf verschiedene Krebsarten.
Von Bluthochdruck oder Hypertonie spricht man, wenn eine dauerhafte Erhöhung des Blutdrucks in den Arterien des Körperkreislaufs vorliegt. Diese kann begünstigt werden durch Risikofaktoren wie Alter oder Geschlecht, aber auch durch ungesunde Ernährung. Wird der Blutdruck langfristig nicht gesenkt, können Folgeerkrankungen am Herz, an den Gefäßen, an der Niere oder an den Augen auftreten.
Das Deutsche Krebsforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft (dkfz) beschreibt im Tabakatlas 2020, dass Rauchen einer der größten Risikofaktoren für gesundheitliche Erkrankungen ist. Im Tabakrauch befinden sich zahlreiche giftige und krebserregende Stoffe, weshalb langfristiger Tabakkonsum deutliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann. Neben Lungenkrebs können bei Raucherinnen und Rauchern Folgeerkrankungen wie Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Stoffwechselerkrankungen auftreten.
Körperliches Übergewicht wird durch einen übermäßig hohen Fettanteil verursacht. In manchen Fällen handelt es sich dabei um die Vorstufen einer Adipositas-Erkrankung. In beiden Fällen stellt ein zu hohes Körpergewicht auf der einen Seite langfristig ein Risikofaktor für z.B. Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder eine Knie- oder Hüftarthrose dar. Auf der anderen Seite gibt es Risikofaktoren, die wiederum Übergewicht begünstigen, wie z.B. das Geschlecht, die Einnahme von Medikamenten oder ein Rauchausstieg.
Wer zu viel Alkohol trinkt, riskiert schwerwiegende gesundheitliche Folgen. Laut BIÖG nimmt in erster Linie die Leber Schaden. Es steigt aber auch das Risiko auf Krebserkrankungen, Bluthochdruck, einer dauerhaften Schädigung des Gehirns oder Übergewicht, was wiederum ebenfalls ein Risikofaktor darstellt.
Einige Risikofaktoren können wir allerdings nicht beeinflussen - wenn es sich z.B. um das Alter, das Geschlecht oder die genetische Veranlagung handelt.
Risikofaktoren werden auf Basis von Studien ermittelt, deren Ergebnisse statistisch ausgewertet werden. In der Regel vergleicht man eine Gruppe, z.B. Raucher, mit einer Kontrollgruppe, z.B. Nichtrauchern. Dabei schaut man, wie häufig eine vorher bestimmte Krankheit ausgebrochen ist. Aus diesen beiden Patientengruppen errechnet sich dann der Faktor für das relative Risiko, an einer bestimmten gesundheitlichen Störung zu erkranken.
Die Ermittlung des Risikofaktors am Beispiel Rauchen:
Ob Raucher oder Nichtraucher - grundsätzlich hat jeder Mensch ein bestimmtes Risiko, im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs zu erkranken. Wer mit dem Rauchen anfängt, erhöht bekanntlich sein Risiko, Lungenkrebs zu bekommen.
Großbritannien 1947: Zwei Wissenschaftler treibt eine wichtige Frage um: Warum sind in den letzten Jahren so viel mehr Männer an Lungenkrebs gestorben als zuvor? Genau genommen sechs Mal mehr als noch vor knapp 20 Jahren!
Sie befragen an Lungenkrebs Erkrankte im Krankenhaus rückblickend zu ihren Lebensgewohnheiten. Man spricht von einer „Fallkontrollstudie“. Schnell stellt sich dabei ein Zusammenhang zwischen Rauchen und der Erkrankung heraus. Doch ist damit schon bewiesen, dass Rauchen ein Risikofaktor ist?
Die Ergebnisse werden angezweifelt, u.a. weil auch Menschen erkranken, die nicht rauchen. Daher führen die beiden Wissenschaftler im nächsten Schritt eine sogenannte Kohortenstudie durch: Sie beobachten dabei Ärzte über mehrere Jahre in der „British Doctor’s Study“: Wie viele von ihnen rauchen und sterben an Lungenkrebs? Und wie viele versterben an Lungenkrebs, ohne je geraucht zu haben?
Auch in dieser Studie zeigt sich ein Zusammenhang. Schritt für Schritt nehmen Ärzteverbände und Politik Empfehlungen und Maßnahmen zum Rauchstopp auf. War also der Beweis erbracht, dass Rauchen ein Risikofaktor für Lungenkrebs ist?
Die höchste Beweiskraft in der evidenzbasierten Medizin haben sogenannte randomisiert-kontrollierte Studien. Doch aus ethischen Gründen können die Wissenschaftler sie in diesem Fall nicht durchführen, denn sie würden die Teilnehmer absichtlich einer Gefahr aussetzen. Man war also auf Beobachtungsstudien wie die „British Doctor’s Study“ angewiesen. Sie wurde verlängert und konnte Anfang 2000 auf 50 Jahre Forschung zurückblicken.
Aussagen zu Risikofaktoren oder Wirkungen von Arzneimitteln beruhen in der Regel auf Studien. Allerdings ist Studie nicht gleich Studie.
Wie kann man herausfinden, ob ein Faktor tatsächlich das Risiko erhöht, eine bestimmte Krankheit zu bekommen oder an ihr zu versterben? Dafür können sogenannte Beobachtungsstudien durchgeführt werden. Bei einer Beobachtungsstudie wird eine bestimmte Anzahl an Menschen über einen längeren Zeitraum beobachtet, bspw. in dem man sie regelmäßig nach ihren Verhaltensweisen fragt. Das können unter anderem Schlafgewohnheiten, sportliche Aktivität, die Ernährung oder auch das Konsumverhalten sein.
So kann an unserem Beispiel mit einer Beobachtungsstudie geprüft werden, ob Rauchen ein Risikofaktor für das Sterben an Lungenkrebs darstellt oder nicht:
In die Beobachtungsstudie wird eine ausreichend große Anzahl an Menschen aufgenommen, z.B. 10.000 Erwachsene. Wichtig ist, dass diese Menschen zu Beginn der Studie noch keinen Lungenkrebs haben.
Im nächsten Schritt werden die Probanden gefragt, ob sie Raucher oder Nichtraucher sind. Nun werden sie über einen vorher festgelegten Zeitraum beobachtet. In unserem Fall sind es zehn Jahre. Immer, wenn jemand während dieser Zeit an Lungenkrebs stirbt, wird dies notiert.
Am Ende der Studie wird gezählt, wie viele Lungenkrebs-Todesfälle unter den Nichtrauchern und den Rauchern auftreten. Sie werden zur jeweiligen Gesamtzahl der Teilnehmer ins Verhältnis gesetzt. So lässt sich das Risiko berechnen, als Nichtraucher an Lungenkrebs zu versterben und das Risiko, als Raucher an Lungenkrebs zu sterben. Diese zwei Risiken werden verglichen.
Dabei kommt heraus, dass das Risiko an Lungenkrebs zu versterben in der Gruppe der Raucher größer ist als in der Gruppe der Nichtraucher: Es steht also fest, dass Rauchen einen Risikofaktor für das Sterben an Lungenkrebs darstellt.
Aus einer solchen Beobachtungsstudie kann auch das Ausmaß der Risikoerhöhung ermittelt werden: Dafür gibt es verschiedene mathematische Herangehensweisen:
Das absolute Risiko ist die Wahrscheinlichkeit, dass unter bestimmten Bedingungen bei einem Menschen gesundheitliche Auswirkungen auftreten. Dazu ermittelt man in unserem Beispiel das Verhältnis aller im Zeitraum an Lungenkrebs Erkrankten im Verhältnis zu allen Beobachteten.
Eine Studie aus dem Jahr 2008 zeigt sehr anschaulich, wie Rauchen als „absoluter“ Risikofaktor berechnet wird: Im Laufe des Lebens verstarben 8 von je 1.000 Nichtrauchern an Lungenkrebs. Unter den Rauchern verstarben 119 von je 1.000 Personen an Lungenkrebs. Das heißt, es starben 111 von je 1.000 Menschen im Laufe ihres Lebens mehr an Lungenkrebs aufgrund von Rauchen. Diese Zahlen zeigen, dass Rauchen ein Risikofaktor für das Sterben an Lungenkrebs darstellt.
Das relative Risiko ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in einer Gruppe von Menschen verglichen mit einer anderen Gruppe mit unterschiedlichen Verhaltensweisen, physikalischen Bedingungen oder unterschiedlichen Umgebungen zu einem bestimmten Ergebnis kommt. Es drückt also aus, um welchen Faktor sich ein Risiko in zwei Gruppen unterscheidet. Man vergleicht dabei zwei absolute Risiken miteinander. Am Beispiel Rauchen würde man demnach berechnen, um das wieviel-fache sich das Sterberisiko erhöht, wenn man raucht, im Vergleich zum Risiko eines Nichtrauchers. Das bezeichnet man dann als „relatives Risiko“. Liegt das Sterberisiko eines Nichtrauchers bei 0,8%, so sind es bei Rauchern 11,9% - und damit etwa 15-mal so hoch.
Hinweis:
Wenn man in Medien über Studienergebnisse liest, wird oft über relative Risiken berichtet. Doch ohne den Kontext des absoluten Risikos kann eine solche Information in die Irre führen. Absolute Risikozahlen sind erforderlich, um das Ausmaß des relativen Risikos einzuschätzen, und zu verstehen, wie bestimmte Faktoren und Verhaltensweisen die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Erkrankung oder Gesundheitszustände beeinflussen können.
Woher weiß man, dass es wirklich am Rauchen liegt, wenn Menschen ein erhöhtes Risiko haben, an Lungenkrebs zu versterben? Diese Frage kann aus Beobachtungsstudien so nicht beantwortet werden! Sobald nämlich von Risikofaktoren gesprochen wird, ist eine Ursachen-Wirkungs-Beziehung per se nicht gegeben. Ein Beispiel: Menschen, die dem Beruf des Schlossers nachgehen, müssen viel Schweißarbeit verrichten. Dabei atmen sie oft kleinste Metall-Partikel ein, die Lungenkrebs verursachen können. Dann könnte das erhöhte Lungenkrebs-Sterberisiko unter den Rauchern in der Studie eigentlich am Schweißen statt am Rauchen gelegen haben. Beobachtungsstudien können demnach zwar wichtige Hinweise geben, aber keine konkrete Antwort darauf, ob eine bestimmte Verhaltensweise tatsächlich zu einer bestimmten Erkrankung führt.
Die beste Lösung in der Wissenschaft, um eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zu untersuchen, ist die randomisiert-kontrollierte Studie. Doch dieses Verfahren ist hier nicht möglich, denn: Die Forscher dürfen aus ethischen Gründen Menschen nicht wissentlich einer Gefahr aussetzen, was beim Rauchen der Fall wäre.
Daher müssen andere Wege gefunden werden, um anhand von Beobachtungsstudien Aussagen zur Ursache-Wirkungs-Beziehung machen zu können.
Ob zwischen einem Risikofaktor wie Rauchen und einer Erkrankung wie Lungenkrebs eine Ursache-Wirkungs-Beziehung besteht, können folgende Hinweise zeigen:
All diesen Hinweisen wurde auch im Fall Rauchen als Risikofaktor für Lungenkrebs nachgegangen. Dabei hat sich gezeigt, dass eine Ursache-Wirkungs-Beziehung in diesem Fall angenommen werden kann. Man geht also davon aus, dass Rauchen zu Lungenkrebs führen kann. Genauso wie mittlerweile als gesichert gilt, dass Rauchen auch für andere Krankheiten ursächlich sein kann. Dazu zählen z.B. die Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und die Arterienverkalkung (Atherosklerose).
Laut Tabakatlas 2020 des dkfz sind in Deutschland rund 80 Prozent aller Lungenkrebsfälle auf das Rauchen zurückzuführen.
Wer über längere Zeit raucht, dem fällt das Aufhören trotz aller Risiken meist schwer. Welche Möglichkeiten zum Rauchstopp es gibt und wie hilfreich sie sind, erfahren Sie in der
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Aktualisiert am: 31.03.2021