Daridorexant ist ein verschreibungspflichtiges Medikament aus der Wirkstoffgruppe der dualen Orexin-Rezeptor-Antagonisten. Seit 2022 ist es in den Dosierungen 50 mg und 25 mg zur Behandlung von chronischer Insomnie zugelassen. Es wirkt im Gehirn und vermindert dort die Freisetzung von Botenstoffen, die für die Wachheit zuständig sind. Dies soll das Einschlafen erleichtern und das Durchschlafen verbessern. Aber tut es das auch? Wir haben uns die Studienlage zur Wirksamkeit und Sicherheit von Daridorexant angesehen.
Daridorexant 25 mg und 50 mg verkürzen die Einschlafdauer und die nächtlichen Wachphasen nach einem und nach drei Monaten. Nebenwirkungen traten etwa genauso häufig auf wie bei Teilnehmen, die einen Placebo einnahmen. Unser Vertrauen in diese Ergebnisse ist jedoch stark eingeschränkt, da die methodische Bewertung ein hohes Verzerrungsrisiko festgestellt hat. Weiterhin ist zu bedenken, dass der Hersteller von Daridorexant die Studie nicht nur finanziert hat, sondern auch stark an der Gestaltung, Durchführung und Auswertung beteiligt war. Hier könnte ein Interessenkonflikt vorliegen.
Ärztliche Leitlinien empfehlen Medikamente bei Insomnie nur, wenn eine kognitive Verhaltenstherapie nicht geholfen hat. In der vorliegenden Studie hatten nur wenige Teilnehmende zuvor eine Psychotherapie erhalten. Die Ergebnisse lassen sich demnach nicht auf Menschen übertragen, die bereits eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung der Insomnie abgeschlossen haben.
In einer randomisiert-kontrollierten Studie (RCT) wurde der Nutzen und Schaden von Daridorexant bei Menschen mit chronischer Insomnie untersucht. Dazu wurden die Teilnehmenden zufällig in drei Gruppen aufgeteilt:
Die Teilnehmenden nahmen die Medikamente drei Monate lang jeden Abend ein.
Im Schlaflabor wurde u. a. gemessen, wie lange die Teilnehmenden nach dem ersten Einschlafen erneut wach waren und wie lange sie brauchten, um erneut einzuschlafen. In einem Schlaftagebuch hielten die Teilnehmenden insbesondere ihre Gesamtschlafdauer fest. Außerdem wurde mit einem Fragebogen auch erhoben, wie schläfrig sie sich am nächsten Tag fühlten.
Für die Bestimmung der nächtlichen Wachphasen, der Einschlafzeit, der Gesamtschlafdauer und der Müdigkeit am Tage wurden diese Parameter dreimal ermittelt: zuerst vor der Behandlung mit Daridorexant oder dem Placebo, dann nach einem Monat und anschließend noch einmal nach drei Monaten. Die Ergebnisse dieser Messungen wurden miteinander verglichen.
Nächtliche Wachzeiten nach dem ersten Einschlafen
Die nächtlichen Wachzeiten wurden im Schlaflabor ermittelt. Im Vergleich zum Placebo verringerte Daridorexant die nächtlichen Wachzeiten der Teilnehmenden gegenüber dem Ausgangswert.
Daridorexant 25 mg verringerte die nächtlichen Wachzeiten nach einem Monat im Vergleich zum Placebo um ca. 12 Minuten. Der Effekt hielt bis zum dritten Monat an. Bei Daridorexant 50 mg verringerte sich die nächtliche Wachzeit nach einem Monat im Vergleich zum Placebo um ca. 23 Minuten. Nach dem dritten Monat betrug sie noch ca. 18 Minuten.
Einschlafzeit
Die Einschlafzeiten wurden ebenfalls im Schlaflabor ermittelt. Im Vergleich zum Placebo verkürzte Daridorexant die Einschlafzeit der Teilnehmenden gegenüber dem Ausgangswert.
Daridorexant 25 mg verkürzte die Einschlafzeit nach einem Monat im Vergleich zum Placebo um ca. 8 Minuten. Der Effekt hielt bis zum dritten Monat an. Bei Daridorexant 50 mg verkürzte sich die Einschlafzeit im Vergleich zum Placebo nach einem Monat um 11 Minuten. Der Effekt hielt bis zum dritten Monat an.
Gesamtschlafdauer
Die Gesamtschlafdauer wurde im Schlaftagebuch festgehalten. Daridorexant erhöhte die Gesamtschlafdauer der Teilnehmenden gegenüber dem Ausgangswert im Vergleich zur Placebo-Gruppe.
Daridorexant 25 mg erhöhte die Gesamtschlafdauer nach einem Monat im Vergleich zum Placebo um ca. 13 Minuten. Nach dem dritten Monat betrug sie ca. 10 Minuten. Bei Daridorexant 50 mg erhöhte sich die Gesamtschlafdauer nach einem Monat im Vergleich zum Placebo um ca. 22 Minuten. Nach dem dritten Monat betrug sie ca. 20 Minuten.
Schläfrigkeit am Tage
Die Schläfrigkeit am Tage wurde mit einem Fragebogen erhoben, der einen Punktewert von 0 bis 40 ergibt. Je höher der Punktwert liegt, desto höher ist die Schläfrigkeit am Tage.
Daridorexant 25 mg reduzierte die Tagesschläfrigkeit gegenüber dem Ausgangswert im Vergleich zum Placebo nach einem und nach dem dritten Monat nicht. Mit Daridorexant 50 mg sinkt die Tagesschläfrigkeit gegenüber dem Ausgangswert im Vergleich zum Placebo nach einem und nach dem dritten Monat um ca. 2 Punkte. Rein statistisch betrachtet ist Daridorexant dem Placebo damit überlegen. Ob diese Veränderung für die Patienten und Patientinnen aber auch tatsächlich spürbar wird, ist fraglich.
Alle Behandlungsgruppen berichteten von Kopfschmerzen, Nasen- und Rachenentzündungen als häufigsten Nebenwirkungen. Die Tabelle zeigt Nebenwirkungen, die in der Behandlungsphase mit einer Häufigkeit von mindestens 2 von 100 in einer der Gruppen zu beobachten waren. Es gab noch weitere Nebenwirkungen, die seltener aufgetreten sind.
Mithilfe einer Skala wurde gemessen, ob Daridorexant auch am Folgetag noch schläfrig macht. Die Ergebnisse zeigten in allen drei Gruppen eine Verbesserung der Schläfrigkeit am Morgen nach dem Aufstehen. In der Studie war es nicht geplant, statistische Untersuchungen vorzunehmen, um herauszufinden, ob sich die beobachteten Veränderungen in den Gruppen statistisch bedeutsam unterscheiden.
Es finden sich keine Hinweise, dass nach dem Absetzen von Daridorexant 25 mg und 50 mg Entzugserscheinungen auftraten. Das Auftreten von Entzugserscheinungen wurde in der Studie u. a. mittels eines speziellen Fragebogens erhoben.
Bei manchen schlaffördernden Medikamenten kehren die Schlafprobleme zurück, sobald man die Medikamente absetzt. Dies nennt man Rebound-Effekt. Anhand der Daten zur Wachzeit während des Schlafes, der Einschlafzeit sowie der Gesamtschlafzeit in der Absetzphase des Medikaments wurde kein Rebound-Effekt festgestellt. Auch in Bezug auf diese Ergebnisse war es nicht geplant, statistische Untersuchungen vorzunehmen, um herauszufinden, ob sich die Behandlungsgruppen statistisch bedeutsam voneinander unterschieden.
Die Mehrheit der betrachteten Studienergebnisse zeigt ein hohes Risiko für Verzerrungen. Verzerrung bedeutet, dass die Ergebnisse verfälscht sind, weil etwas die Messung beeinflusst hat. Dadurch werden Studienergebnisse weniger vertrauenswürdig.
Unter einem hohem Verzerrungsrisiko versteht man, dass die gemessenen Ergebnisse (Effekte) von den „wahren Ergebnissen“ abweichen können.
Weitere Einschränkungen der Studie sind der kurze Behandlungs- und Nachbeobachtungszeitraum, insbesondere in Bezug auf die Sicherheit wie auch das Auftreten seltener Nebenwirkungen. Die Anzahl an Testpersonen war auch zu klein, um seltene Nebenwirkungen festzustellen.
Die Studie wurde finanziert von Idorsia Pharmaceuticals. Der Geldgeber der Studie war an der Studiengestaltung, der Datenerhebung, der Datenanalyse, der Dateninterpretation und dem Verfassen des Berichts beteiligt. Hier kann ein Interessenkonflikt nicht ausgeschlossen werden.
Die Teilnehmenden waren überwiegend weiße Menschen mit mittelschwerer bis schwerer Insomnie, aber ohne weitere psychiatrische oder schwere körperliche Krankheiten. Die Diagnose der Insomnie lag bei den meisten Teilnehmenden etwa zehn Jahre zurück. Nur wenige Studienteilnehmende hatten bereits vor der Teilnahme an der Studie eine kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung der Insomnie erhalten. Für Menschen, die bereits eine Verhaltenstherapie abgeschlossen haben, hätten die Studienergebnisse vielleicht anders ausgesehen.
In einer Erweiterungsstudie erhielten einige der Teilnehmenden der oben berichteten Studie sowie Teilnehmende aus einer weiteren Studie zu Daridorexant 10 mg und 25 mg weitere neun Monate Daridorexant oder ein Placebo. Ziel dieser erweiterten Studie war es, mehr über die Nebenwirkungen nach längerer Einnahme zu erfahren. Die Teilnehmenden nahmen 40 Wochen lang jeden Abend eine Daridorexant-Tablette (10 mg, 25 mg oder 50 mg) oder eine Tablette ohne Wirkstoff (Placebo) ein. Die Dosierung Daridorexant 10 mg ist in Deutschland nicht zur Behandlung chronischer Insomnie zugelassen und wird daher im folgenden Text nicht weiter berücksichtigt.
Wie auch in den beiden Vorgängerstudien waren die häufigsten behandlungsbedingten Nebenwirkungen Entzündungen in der Nase und im Rachen. Am zweithäufigsten kamen versehentliche Überdosierungen vor. Schläfrigkeit, Stürze und Kopfschmerzen waren die nächsthäufigsten Nebenwirkungen.
Schwere unerwartete Ereignisse traten in allen Gruppen auf. In der Daridorexant-50-mg-Gruppe war dies bei 5,1 Prozent der Teilnehmenden der Fall, in der Daridorexant-25-mg-Gruppe bei 4,5 Prozent, in einer weiteren Daridorexant-25-mg-Gruppe bei 3,2 Prozent und in der Placebo-Gruppe bei 1,6 Prozent. Zwei der schweren unerwarteten Ereignisse haben Prüfärztinnen und Prüfärzte auf die Behandlung zurückgeführt:
In der vorangegangenen Studie gab es weniger schwerwiegende unerwartete Ereignisse in allen Untersuchungsgruppen: 1 bis 2 Prozent der Teilnehmenden berichteten von schweren Nebenwirkungen.
Auch in der Erweiterungsstudie zeigten sich keine Anhaltspunkte für Entzugserscheinungen nach Beendigung der Behandlung oder eine Rebound-Insomnie nach Absetzen der Medikation.
Die Ergebnisse zur Müdigkeit am Morgen und Tagesmüdigkeit deuten keine erhöhte Müdigkeit durch die Einnahme von Daridorexant 25 mg und 50 mg an. Auch für diese Ergebnisse wird ein hohes Verzerrungsrisiko angenommen.
Auch bei diesen Ergebnissen besteht das Risiko, dass etwas die Messung beeinflusst hat. Das macht die Ergebnisse weniger vertrauenswürdig.
Außerdem nahm weniger als die Hälfte der Teilnehmenden aus den ersten beiden Studien an der Erweiterung teil. Die Gründe dafür sind nicht alle bekannt. Einige Teilnehmende wurden in der Erweiterungsstudie wegen Erkrankungen ausgeschlossen. Deren Anteil ist aber nicht bekannt.
Wie auch die beiden Vorgängerstudien zur dreimonatigen Wirksamkeit und Sicherheit von Daridorexant, wurde die Erweiterungsstudie finanziert von Idorsia Pharmaceuticals. Der Geldgeber der Studie war an der Studiengestaltung, der Datenerhebung, der Datenanalyse, der Dateninterpretation und dem Verfassen des Berichts beteiligt. Ein Interessenkonflikt kann nicht ausgeschlossen werden.
Die Informationen zur Wirksamkeit und Sicherheit einer dreimonatigen Einnahme von Daridorexant 25 mg und 50 mg stammen aus einer randomisiert-kontrollierten Phase-3-Studie (RCT), die in mehreren Ländern in Europa, Nordamerika und Australien erhoben wurde. Insgesamt nahmen 930 erwachsene Personen an der Studie teil. Alle hatten eine mittelschwere oder schwere chronische Insomnie. 61 Prozent waren jünger als 65 Jahre. 67 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen.
Die Informationen zum Auftreten von Nebenwirkungen bei einer neunmonatigen Einnahme von Daridorexant stammen aus einer randomisiert-kontrollierten Erweiterungsstudie, an der Teilnehmende aus zwei randomisiert-kontrollierten Studien teilnahmen. Insgesamt nahmen 804 erwachsene Personen an der Erweiterungsstudie teil.
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Gelbe Liste Online. Daridorexant; letzte Aktualisierung: 11.02.2025. Verfügbar unter: https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Daridorexant_56780 [11.02.2025].
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Erstellt am: 21.01.2026