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Insomnie

Helfen Benzodiazepine bei Schlafstörungen?

Für die Behandlung von Insomnie bestehen verschiedene Möglichkeiten. Eine davon ist die Einnahme eines verschreibungspflichtigen Medikamentes aus der Wirkstoffgruppe der sogenannten Benzodiazepine. Laut der ärztlichen Leitlinie sollen sie aber erst dann zum Einsatz kommen, wenn eine kognitive Verhaltenstherapie nicht zum Ziel geführt hat. Schlaffördernde Medikamente wie Benzodiazepine lindern Ein- und Durchschlafprobleme, beseitigen jedoch nicht die Ursachen der Insomnie. Die Behandlung bleibt also rein symptomatisch. Zudem kann der Wirkstoff zur Gewöhnung und Abhängigkeit führen und sollte nicht länger als vier Wochen eingenommen werden. 

Benzodiazepine verstärken die Wirkung eines körpereigenen beruhigenden Botenstoffes in Gehirn (GABA = Gammaaminobuttersäure), indem sie dessen Bindung an die schlaffördernden Nervenzellen unterstützen. Benzodiazepine können auch allgemein beruhigend und angstlösend wirken, aber beeinträchtigen auch das Denkvermögen, weil auch andere Hirnzellen über Andockstellen (Rezeptoren) für GABA verfügen. 

Hier erfahren Sie, was Studien zu Nutzen und Schaden von Benzodiazepinen zur Verbesserung des Schlafs sagen.

Die Ergebnisse auf einen Blick

Die Einschlafzeit, die Wachzeiten in der Nacht, die Gesamtschlafzeit und die Schlafeffizienz verbesserten sich bei den Teilnehmenden, die Benzodiazepine einnahmen. Bei ihnen traten jedoch auch starke Müdigkeit bis hin zur Erschöpfung, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit und Ermüdungssyndrome als unerwünschte Ereignisse auf.

Einschränkung der Ergebnisse: Die methodische Qualität der Übersichtsarbeit ist gut, die der Einzelstudien überwiegend gut. Das Vertrauen in die Ergebnisse ist dennoch eingeschränkt, da auffiel, dass Studien ohne Wirkungsnachweis nicht veröffentlicht wurden, sodass die festgestellte Wirksamkeit höher erscheint, als sie tatsächlich ist. Die Mehrzahl der Studien erschien zwischen 1980 und 2000. Neuere Forschungen zu Benzodiazepinen liegen nicht vor, weil mittlerweile andere Wirkstoffe mit weniger unerwünschten Wirkungen zur Verfügung stehen. Weiterhin lassen sich auf der Grundlage dieser Übersichtsarbeit keine Aussagen zu den einzelnen Wirkstoffen machen, insbesondere im Hinblick auf Nebenwirkungen.

Was wurde untersucht?

In einer systematischen Übersichtsarbeit aus insgesamt 52 randomisierten kontrollierten Studien (RCT) wurden der Nutzen und Schaden der Behandlung mit Medikamenten aus der Gruppe der Benzodiazepine untersucht. In den Einzelstudien wurden Erwachsene mit einer Insomnie zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Teilnehmenden der einen Gruppe nahmen ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine ein, während die andere Gruppe ein Scheinmedikament (Placebo) erhielt. Die Behandlungsdauer variierte zwischen zwei Stunden und länger als 28 Tagen. 

In den Studien wurden die Wirkstoffe Quazepam, Triazolam, Temazepam, Loprazolam, Flurazepam, Estazolam, Brotizolam und Flunitrazepam untersucht.

Die Studienteilnehmenden dokumentierten ihren Schlaf in Schlaftagebüchern . Dabei hielten sie fest, wie viele Minuten sie zum Einschlafen benötigten, wie lange sie wach blieben, als sie nachts aufwachten, und wie lang die Schlafzeit wie auch die im Bett verbrachte Zeit insgesamt waren. 
Die Schlafeffizienz der Teilnehmenden wurde aus der Schlafzeit und der Zeit im Bett errechnet. Bei einem Teil der Studien wurden dazu auch nächtliche Untersuchung im Schlaflabor durchgeführt.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Nutzen der Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine

Nach Beendigung der Behandlungen wurden die Daten aus den Schlaftagebüchern beider Gruppen verglichen.
Die Einschlafzeit war bei den Personen, die mit Benzodiazepinen behandelt wurden, im Durchschnitt 17 Minuten kürzer als bei den Personen, die ein Scheinmedikament einnahmen.
Die Wachzeiten in der Nacht verkürzten sich bei Personen, die Benzodiazepine einnahmen, im Durchschnitt um insgesamt 23 Minuten im Vergleich zur Gruppe mit Scheinmedikament.
Die Gesamtschlafzeit dauerte bei Personen, die ein Benzodiazepin einnahmen, 39 Minuten länger als in der Placebogruppe. 
Die Schlafeffizienz lag bei den Teilnehmenden, die Benzodiazepine einnahmen, um sechs Prozentpunkte höher als bei den Teilnehmenden, die das Scheinmedikament bekamen. 

Schaden der medikamentösen Behandlung mit Benzodiazepine

Unerwünschte Ereignisse (Nebenwirkungen) traten bei den Teilnehmenden, die Benzodiazepine einnahmen, häufiger auf als in der Placebogruppe (34 Studien). 
Die am häufigsten genannten unerwünschten Wirkungen waren eine starke Benommenheit, die durch eine abnorme Schläfrigkeit sowie eingeschränkte Aufmerksamkeit (Somnolenz) charakterisiert ist (27 Studien). Dazu kamen Kopfschmerzen (18 Studien), Schwindel (16 Studien), Übelkeit (elf Studien) und Ermüdungssyndrome (Fatigue) (elf Studien). Es gab keine Berichte über Verletzungen oder Todesfälle.

Einschränkung der Ergebnisse

Die methodische Qualität der Übersichtsarbeit ist gut. Die Qualität der einzelnen Studien ist ebenfalls eher gut. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden jedoch heraus, dass es Studien geben muss, die keinen Effekt von Benzodiazepinen zeigten, aber nicht veröffentlicht wurden. Das Vertrauen in die Ergebnisse ist daher eingeschränkt. Die unveröffentlichten Resultate könnten die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit verändern. Die festgestellten Effekte würden dann vermutlich niedriger ausfallen. Das heißt: Die Wirkung der Benzodiazepine ist wahrscheinlich in der Realität schwächer.

Patientenrelevante Aspekte wie Tagesbefindlichkeit und Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit wurden in den eingeschlossenen Arbeiten nicht untersucht. Es wurde ebenfalls nicht untersucht, wie viele Betroffene nach der Behandlung keine Insomnie mehr hatten.
Weiterhin lassen sich keine Aussagen zu den einzelnen Wirkstoffen ableiten, insbesondere im Hinblick auf die Nebenwirkungen.

Die Ergebnisse stammen aus einer systematischen Übersichtsarbeit, die die Daten von 52 randomisierten kontrollierten Studien (RCT)  berücksichtigte. Insgesamt nahmen an den Studien 5.582 Erwachsene im Alter von 18 bis 94 Jahren teil. Das Durchschnittsalter betrug 49 Jahre. Der Frauenanteil lag bei 61 Prozent.
Die Mehrzahl der RCT erschien zwischen 1980 und 2000, nur drei danach. Neuere Forschungen zu Benzodiazepinen gibt es nicht. Dies liegt daran, dass mittlerweile andere Wirkstoffe mit weniger unerwünschten Wirkungen zur Verfügung stehen. 

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

Buscemi N, Vandermeer B, Friesen C et al. The efficacy and safety of drug treatments for chronic insomnia in adults: A meta-analysis of RCTs. J Gen Intern Med 2007;22(9):1335–1350. 

Buscemi N, Vandermeer B, Friesen C et al. Manifestations and management of chronic insomnia in adults. Evid Rep Technol Assess (Summ) 2005;125:1–10. 

Riemann D, Baum E, Cohrs S, Crönlein T, Hajak G, Hertenstein E et al. S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Somnologie 2017;21(1):2–44.

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Erstellt vom Team Stiftung Gesundheitswissen.

Wissenschaftliche Beratung:
Dr. med. Dagmar Lühmann
Dr. med. Dagmar Lühmann

Dr. med. Dagmar Lühmann

Dr. med. Dagmar Lühmann absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und studierte anschließend Medizin an der Universität zu Lübeck. Nach dem Examen arbeitete sie als Assistenzärztin am Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie und promovierte dort zum Thema "Auswirkungen von Quecksilberexposition auf das menschliche Immunsystem". Später arbeitete sie am Institut für Sozialmedizin an der Universität zu Lübeck mit dem Schwerpunkt evidenzbasierte Medizin und Bewertung von medizinischen Verfahren (Health Technology Assessment). Seit 2013 ist sie als Forschungskoordinatorin am Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig.

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Erstellt am: 15.12.2020