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Harninkontinenz

Transkutane Elektrostimulation: Hilft sie bei Dranginkontinenz?

Studiencheck

Eine Behandlungsmöglichkeit bei Dranginkontinenz ist die Elektrostimulation des Schienbeinnervs (Nervus tibialis) mittels auf der Haut angebrachter Elektroden. Diese Form der Elektrostimulation des Schienbeinnervs nennt man auch transkutane Tibial-Nerv-Stimulation (TTNS). Dabei werden die Elektroden im Bereich des Innenknöchels aufgeklebt. Die Elektroden sind mit einem Gerät verbunden, das kurze elektrische Impulse mit geringen Stromstärken aussendet. Der Scheinbeinnerv ist nicht direkt an der Regulierung der Blasenentleerung beteiligt. Man geht aber davon aus, dass der Schienbeinnerv andere Nerven beeinflusst, die mit der Blasenentleerung im Zusammenhang stehen. Mit der Elektrostimulation soll verhindert werden, dass sich der Blasenmuskel zu häufig zusammenzieht und sich die Harnblase ungewollt entleert.

Im "Studiencheck Elektrostimulation des Schienbeinnervs mittels auf der Haut angebrachter Elektroden“ wurde der Nutzen und Schaden dieser Methode anhand von aktuellen wissenschaftlichen Studiendaten geprüft.

Die Ergebnisse auf einen Blick

Möglicherweise kann eine Behandlung mit transkutaner Elektrostimulation über zehn bis zwölf Sitzungen zu einer Verbesserung der Inkontinenzbeschwerden führen. Ob durch die Behandlung auch Nebenwirkungen auftreten können, wurde nicht untersucht.

Einschränkung der Ergebnisse: Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist stark eingeschränkt, denn die Anzahl der Teilnehmenden war über alle Studien hinweg insgesamt sehr gering. Die Studien weisen darüber hinaus zum Teil methodische Mängel auf.

Dies kann die Ergebnisse beeinflusst haben. Das Vertrauen in die Ergebnisse ist daher eingeschränkt.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Zum Nutzen der transkutanen Elektrostimulation liegen acht, größtenteils kleine randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) vor, in denen die Methode gegenüber einer Scheinbehandlung untersucht wurde. 

Keine Dranginkontinenz mehr

Drei RCT untersuchten, wie viele Personen nach den Behandlungen keine Dranginkontinenz mehr hatten. Es konnte kein Unterschied zwischen der transkutanen Elektrostimulation und der Scheinbehandlung festgestellt werden. In beiden Gruppen hatten gleich viele Personen keine Dranginkontinenz mehr.

Verbesserung der Symptome

Sechs RCT untersuchten, ob sich die Inkontinenzbeschwerden verbesserten. Die Ergebnisse zu einer Verbesserung der Symptome einer Dranginkontinenz sind für eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 25 Wochen uneinheitlich, weshalb eine Wirkung der transkutane Elektrostimulation  nicht eindeutig feststellbar ist. In drei RCT  konnte keine Verbesserung im Vergleich zur Scheinbehandlung festgestellt werden, in drei RCT  zeigte sich eine Verbesserung durch die transkutane Elektrostimulation.

Verringerung der Inkontinenzepisoden

Vier RCT untersuchen, ob die Anzahl der Inkontinenzepisoden durch die transkutane Elektrostimulation abnahm. Bei erwachsenen Personen mit Dranginkontinenz scheint eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keiner Verringerung der wöchentlichen Inkontinenzepisoden zu führen. 

Verbesserung der Lebensqualität

Fünf RCT untersuchten, ob sich die Lebensqualität der behandelten Personen verbesserte. Bei erwachsenen Personen mit Dranginkontinenz scheint eine transkutane Elektrostimulation des Nervus tibialis im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keiner Verbesserung der Lebensqualität zu führen.

Schaden von transkutaner Elektrostimulation

Drei RCT untersuchten, ob Nebenwirkungen bei der transkutanen Elektrostimulation auftraten. Bei einer transkutanen Elektrostimulation des Schienbeinnervs kommt es im Vergleich zu einer Scheinbehandlung im Zeitraum von 6 bis 26 Wochen zu keinem vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen. In zwei der drei RCT  traten in beiden Gruppen gar keine Nebenwirkungen auf. In den Behandlungsgruppen waren 26 beziehungsweis 33 Personen; in den Vergleichsgruppen mit Scheinbehandlung waren 24 beziehungsweise 33 Personen. In einer RCT trat bei jeweils einer Person pro Gruppe (mit jeweils 27 Personen) eine Nebenwirkung auf. Dies war bei beiden Betroffenen eine nicht komplett entleerte Blase.

Warum sind die Ergebnisse der Studien nicht zuverlässig?

Die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist eingeschränkt, weil insgesamt nur 411 Patienten und Patientinnen in den Studien untersucht wurden, zu den Einzelnen Nutzen- und Schadensaspekten jeweils noch weniger, da nicht alle Studien alle Aspekte untersuchten. Ein Teil der Studien wies zudem Mängel in der methodischen Vorgehensweise auf. Dies kann die Ergebnisse beeinflusst haben. Das Vertrauen in die Ergebnisse ist daher eingeschränkt. Weitere Forschung könnte zu anderen Ergebnissen führen.

Wer hat an den Studien teilgenommen?

An den acht RCT nahmen Menschen teil, deren Dranginkontinenz auf einen Schlaganfall oder Parkinson zurückzuführen war, sowie ältere Menschen aus Pflegeheimen, bei denen keine körperliche Ursache für die Dranginkontinenz gefunden wurde. In einem der acht RCT waren alle Teilnehmer männlich, an drei RCT nahmen nur Frauen teil, in einem RCT betrug der Anteil der Männer 44% und einem weiteren RCT waren 20% Männer unter den Teilnehmenden. In den beiden anderen Studien finden sich keine Angaben zum Anteil der Geschlechter.

Das mittlere Alter der Teilnehmenden lag in einer Studie bei 85 Jahren, bei einer anderen bei 41 Jahren und in der restlichen bei 60 bis 67 Jahren.

Angaben zur Dauer der Dranginkontinenz lieferte nur eine Studie: Die Teilnehmenden waren in der Behandlungsgruppe im Mittel seit zwei Jahren und in der Vergleichsgruppe mit Scheinbehandlung im Mittel seit einem halben Jahr von Inkontinenzbeschwerden betroffen. Informationen über den Schweregrad der Inkontinenz enthielt keine der Studien.
An einer Studie durften auch Personen teilnehmen, die zusätzlich zur Elektrostimulation Medikamente zur Behandlung der Dranginkontinenz erhielten, wenn die Behandlung mit Medikamenten seit mindestens drei Monaten bestand und während der Studie nicht verändert wurde. Der tatsächliche Anteil der Personen in dieser Studie, die Medikamente einnahmen, ist dabei nicht bekannt. In den übrigen Studien fanden sich keine Aussagen zu einer möglichen medikamentösen Therapie vor oder während der Studie.

Durchgeführt wurden die Studien in Brasilien, Kanada und Großbritannien.

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

Araujo TG, Schmidt AP, Sanches PRS, Silva Junior DP, Rieder CRM, Ramos JGL. Transcutaneous tibial nerve home stimulation for overactive bladder in women with Parkinson's disease: A randomized clinical trial. Neurourol Urodyn 2021; 40(1):538–48. Doi: 10.1002/nau.24595.

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Booth J, Hagen S, McClurg D, Norton C, MacInnes C, Collins B et al. A feasibility study of transcutaneous posterior tibial nerve stimulation for bladder and bowel dysfunction in elderly adults in residential care. J Am Med Dir Assoc 2013; 14(4):270–4. Doi: 10.1016/j.jamda.2012.10.021.

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Monteiro ÉS, de Carvalho, Luciane Bizari Coin, Fukujima MM, Lora MI, do Prado GF. Electrical stimulation of the posterior tibialis nerve improves symptoms of poststroke neurogenic overactive bladder in men: a randomized controlled trial. Urology 2014; 84(3):509–14. Doi: 10.1016/j.urology.2014.05.031.

Perissinotto MC, DʼAncona CAL, Lucio A, Campos RM, Abreu A. Transcutaneous tibial nerve stimulation in the treatment of lower urinary tract symptoms and its impact on health-related quality of life in patients with Parkinson disease: a randomized controlled trial. J Wound Ostomy Continence Nurs 2015; 42(1):94–9. Doi: 10.1097/WON.0000000000000078.

Pierre ML, Friso B, Casarotto RA, Haddad JM, Baracat EC, Ferreira EAG. Comparison of transcutaneous electrical tibial nerve stimulation for the treatment of overactive bladder: a multi-arm randomized controlled trial with blinded assessment. Clinics (Sao Paulo) 2021; 76:e3039. Doi: 10.6061/clinics/2021/e3039.

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Unsere Angebote werden regelmäßig geprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende Prüfung findet alle drei bis fünf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlägigen Expertenempfehlungen, z.B. des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin.

Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.

Autoren und Autorinnen:
Claudia Höppner
Claudia Höppner

Claudia Höppner

Referentin Evidenzbasierte Medizin
Claudia Höppner ist Gesundheitswissenschaftlerin (MPH) und Soziologin. Für die Stiftung erarbeitet sie Inhalte für multimediale Informationsangebote auf Basis der Methoden der evidenzbasierten Medizin und unterstützt bei wissenschaftlichen Projekten.
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Michael Mibs
Michael Mibs

Michael Mibs

Referent Evidenzbasierte Medizin
Michael Mibs ist studierter Gesundheitswissenschaftler und Soziologe. Für die Stiftung erarbeitet er Inhalte für multimediale Informationsangebote auf Basis der Methoden der evidenzbasierten Medizin und konzipiert Analysen mit Bezug zur klinischen Versorgung.
Wissenschaftliche Beratung:
PD Dr. med. Karl Horvath
PD Dr. med. Karl Horvath

PD Dr. med. Karl Horvath

Priv.-Doz. Dr. Karl Horvath promovierte 1993 an der Karl-Franzens-Universität Graz. 1997 Erhalt des Diploms Arzt für Allgemeinmedizin, 2002 Erhalt des Facharztdiploms, Facharzt für Innere Medizin und 2013 des Additivfachs, Facharzt für Endokrinologie und Diabetologie. Im Jahr 2010 Habilitation im Fach Innere Medizin an der Medizinischen Universität Graz. Aktuell ist er als Facharzt für Innere Medizin an der Universitätsklinik für Innere Medizin, Universitätsklinikum Graz, Medizinische Universität Graz praktisch ärztlich tätig. Von 2005 bis 2014 hatte er die Co-Leitung des „EBM Review Center“ der Medizinischen Universität Graz inne. Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Instituts für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Medizinischen Universität Graz. Dort leitet er den Fachbereich Evidenzbasierte Medizin.
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Univ. Ass. Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch
Portrait Univ.Ass. Mag.rer.nat. Thomas Semlitsch

Univ. Ass. Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch

Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch studierte Chemie mit dem Ausbildungsschwerpunkt Biochemie und Zellbiologie der Karl Franzens Universität Graz. Vor seiner Anstellung an der Medizinischen Universität Graz war er mehrere Jahre im Bereich Qualitätsmanagement und als Koordinator klinischer Studien an einer österreichischen Privatklinik tätig und absolvierte 2007 eine Post-Graduate Ausbildung zum Good Laboratory Practice (GLP) -Beauftragten für den Bereich analytisches Labor. Von 2008 bis 2014 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Research Unit „EBM Review Center“ der Medizinischen Universität Graz und von 2011 bis 2014 auch am Institut für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften der Joanneum Research Forschungsgesellschaft tätig. Seit 2015 ist er als Univ. Assistent am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung im Fachbereich Evidenzbasierte Medizin beschäftigt. Herr Semlitsch ist seit 2018 Fachbereichssprecher der Sektion Österreich und somit Mitglied des erweiternden Vorstands des Deutschen Netzwerks Evidenz basierte Medizin (DNEbM).

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Aktualisiert am: 29.05.2024