Berlin, 24.04.2018 - Wann macht Lärm krank? Warum sind Geräusche auch Geschmackssache? Und wieso sind manche Menschen lärmempfindlicher als andere? Die Stiftung Gesundheitswissen hat bei der Lärmforscherin Professorin Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp von der TU Berlin nachgefragt. Sie erklärt auch, welche Konzepte gegen Lärm helfen können. 

Frau Professorin Dr. Schulte-Fortkamp, wie sehen – oder besser hören – Sie unsere Welt?

Als Lärmforscherin höre ich unsere Welt sicher mit anderen Ohren und sehe sie mit anderen Augen als es Menschen tun, die sich beispielsweise mit Musik befassen. Ich betrachte die Welt akustisch analytisch. Schaue mir also die Auswirkungen an, was wir empfinden und wie wir auf Geräusche reagieren. Ich achte auf die Informationen, die Geräusche bieten, und versuche aufzuspüren, ob diese Geräusche Spaß machen und wie sie unsere Lebensqualität beeinflussen. 

Macht das Motorrad an der Ampel Ihnen oder nur dem Fahrer Spaß?

Motorräder sind für mich in jedem Fall eine Lärmbelästigung, weil sie Geräusche machen, die nicht notwendig sind, um die Fahrsituation herzustellen – diese Motorgeräusche haben mit der Qualität der Fahrsituation nichts zu tun. Deshalb machen mir solche Geräusche eigentlich gar keinen Spaß, obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie dem Fahrer oder Fahrerin durchaus Spaß machen können.

Sind Geräusche quasi Geschmackssache?

In gewisser Weise, denn Geräusche werden subjektiv bewertet und das hat viel mit der Situation, aber auch mit der eigenen Persönlichkeit und Lebensgeschichte zu tun: In welcher Umgebung ist man aufgewachsen, waren Geräusche dort erwünscht oder nicht erwünscht, werden mit Geräuschen positive oder negative Erinnerungen verknüpft.

Gibt es Geräusche, die von den meisten Menschen als unangenehm wahrgenommen werden?

Es gibt durchaus Geräusche, die von sich aus unangenehm sind, z.B. das Kreidequietschen an der Tafel oder wenn man mit der Gabel über den Tellerrand geht. Aber es gibt auch Geräusche, die dadurch störend sind, dass sie zu Zeiten auftauchen, wo sie nicht auftauchen sollten. Musik kann schön sein und auch ein singender Nachbar kann positiv empfunden werden. Wenn er aber nachts singt, ist dasselbe Geräusch unangenehm. Die Bewertung, ob Geräusche angenehm oder unangenehm sind, ist immer kontextabhängig. 

Ob Gesang oder Krach – warum sind manche Menschen lärmempfindlicher als andere?

Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Es kann daran liegen, dass man schlecht hört oder eine bestimmte Form der Lärmempfindlichkeit hat. Unter Umständen ist es auch erlernt oder es steckt ein Krankheitsbild dahinter. Das kann man nur im Einzelfall beurteilen, wenn man die Lebensgeschichte und Hintergründe miteinbezieht. Manchmal kann eine Lärmempfindlichkeit ein Ersatzphänomen für eine andere Sache sein, die man nicht ertragen kann.

Lärm ist oft unerträglich – und kann uns unter gewissen Umständen sogar krank machen?

Ja. Wenn Geräusche wie Straßenverkehr oder Flugzeuglärm wiederholt in Situationen auftreten, in denen man sich ausruhen oder schlafen muss, können sie die Gesundheit schädigen. Nächtliche Geräusche unterbrechen immer wieder den Schlaf, führen zu Schlafstörungen und am nächsten Tag dazu, dass man sich müde, weniger arbeitsfähig und stattdessen ein bisschen krank fühlt. 

Wie können wir in unserer dauerbeschallten Gesellschaft ein wenig Ruhe finden?

Man kann sich die Ohren zustöpseln, die eigene Musik hören und sich selber erwünscht beschallen oder sich in ruhigere Bereiche zurückziehen. Unsere Umgebungslärmrichtlinie sorgt übrigens für die nötigen Ruhezonen. Außerdem kommt es immer darauf an, wie der Einzelne sich damit auseinandersetzt und Lärm ausgleicht.

Dafür haben Sie das Soundscape-Konzept mit entwickelt...

Genau. Das Soundscape-Konzept zielt nicht wie die Lärmforschung auf den negativen Aspekt von Geräuschen, sondern versucht, betroffene Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, um akustische Situationen zu verändern. Die Fragestellung dahinter: Wie kann man mit gestalterischen Momenten aus einer lärmigen eine erträgliche Lebenssituation machen und Ruhezonen schaffen?

Darum geht’s auch beim diesjährigen ‚Tag gegen Lärm’ am 25. April, oder?

Ja, seit 21 Jahren organisiere ich mit der Deutschen Gesellschaft für Akustik den ‚Tag gegen Lärm’. In den letzten beiden Jahrzehnten ist auch durch die EU-Direktive und die Umgebungslärmrichtlinie viel gegen die Belastungen durch Schall passiert. Unter dem diesjährigen Motto ‚Laut war gestern’ fokussieren wir uns nun mehr auf die akustische Gestaltung unserer Umwelt – also wir suchen nach neuen akustisch relevanten Konzeptionen von öffentlichen Plätzen, Verkehrs- und Wohnsituationen. Gerade in schwierigen Lebenssituationen, die durch Lärm verursacht sind, dürfen wir nicht verharren, sondern müssen gemeinsam mit den Betroffenen nach Veränderungen suchen.