Anatomie-Professor Dr. Dieter Blottner im Interview.

Berlin, 04.05.2018 - Wie viele Gelenke hat der Mensch? Wer eine einfache Antwort oder präzise Zahl erwartet, wird bereits hier enttäuscht. In Fachbüchern und im Internet kursieren unterschiedliche Angaben. Warum das so ist, erklärt Prof. Dr. Dieter Blottner von der Charité in Berlin. Im Interview verrät der Professor für Anatomie, wie ein Skelett die Antwort brachte… 

Herr Prof. Dr. Blottner, wie viele Gelenke hat der Mensch?

Es gibt sechs große Gelenke: Schulter-, Ellenbogen-, Hand-, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk. Insgesamt haben wir ca. 140 echte Gelenke. Und dann gibt es noch die sog. unechten Gelenke. Wenn wir alle gelenkigen Verbindungen zusammennehmen, kommen wir auf eine Anzahl von 212 Gelenken. 

Im Internet und in Fachbüchern findet man oft abweichende Angaben. Hat dies etwas mit echten und unechten Gelenken zu tun? 

Ja, das könnte damit zu tun haben, dass sich einige Autorinnen und Autoren nur auf echte Gelenke beziehen. Manche Experten gebrauchen möglicherweise auch unterschiedliche Definitionen von Gelenken. Damit wir ganz sicher gehen, haben wir uns die Mühe gemacht und entschieden: Wir müssen alle gelenkigen Verbindungen an einem Skelett zählen.

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Sicher eine langwierige Angelegenheit. 

Es geht. Ein Kollege und ich haben alle Knochenverbindungen an einem Erwachsenen-Skelett nacheinander durchgezählt. Sicherheitshalber haben wir das zweimal gemacht. In beiden Fällen sind wir auf 212 gekommen. Pro Durchgang haben wir ungefähr 15 bis 20 Minuten gebraucht.

Heutzutage muss man also trotzdem noch ein Skelett bemühen, um diese Frage zu beantworten. Sind Sie überrascht, dass diese Frage eine Art offenes Rätsel war und andere Wissenschaftler das nicht erforscht haben? 

Es kann sein, dass noch keiner an der Gesamtzahl interessiert war. Möglicherweise haben sich viele auf die echten Gelenke fokussiert, weil sie besonders anfällig für Schäden sind. Die unechten Gelenke sind eher Sonderfälle, die lediglich mal versteifen oder verknöchern. Sie rücken allerdings immer mehr in den Fokus der Wissenschaft. Denn auch sie sind wichtig, damit sich Menschen bewegen können. 

Gibt es andere Wissenslücken, die bis heute in der Anatomie existieren?

Wir wissen relativ wenig über Muskeln. Fakt ist: Der Mensch besitzt über 600 Einzelmuskeln. Doch in welchen Gruppen sich diese befinden und an welchen Stellen des menschlichen Körpers – das lässt sich nicht einwandfrei sagen. Kurz zur Erklärung: Muskeln arbeiten quasi als Team zusammen – in Muskelgruppen. Nehmen wir etwa den Arm: Eine Gruppe beugt den Arm, die andere streckt ihn. Eine Muskelgruppe liegt jeweils in einer bindegewebigen Scheide – in einem sogenannten Kompartiment, auch Muskelloge genannt. Letztere ist ein durch Bindegewebswände (Faszien) abgetrennter Raum, indem sich in der Regel drei bis vier Muskeln gleicher Funktion befinden. Der menschliche Körper hat ungefähr 25 bis 30 Muskellogen. Viel mehr wissen wir jedoch nicht. Hier ist sicher Raum für Forschung. 

Apropos Raum: Sie forschen auch in der Weltraummedizin. Können Sie daraus Erkenntnisse für die Anatomie ableiten?

Seitdem es die bemannte Raumfahrt gibt, wissen wir: Astronautinnen und Astronauten fühlen sich in der Schwerelosigkeit sehr wohl. Dort kommen sie in eine Art Wellness-Zustand, weil der Körper entlastet wird. Verbringen sie jedoch längere Zeit dort, passt sich ihr Körper an die Schwerelosigkeit an. Die Folge: Astronauten verlieren Muskel- und Knochenmasse. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass Vibrationsmuskeltraining die Genaktivität auf der Erde verändert. Das bedeutet, der Muskel bleibt in der Regel durch geeignetes Muskeltraining halbwegs gesund. Ob dies auch im All der Fall ist, wissen wir aber noch nicht.

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