Interview mit Prof. Dr. Martin Scherer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

Berlin, 10. November 2020 – Die Corona-Zahlen sind derzeit wieder stark gestiegen und die Politik hat umfangreiche Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung beschlossen. Gleichzeitig hat die Anzahl der Testungen rasant zugenommen. In diesem Zusammenhang gibt es viele Fragen: Wer sollte sich wann testen lassen? Und wie aussagekräftig sind die Tests eigentlich? Prof. Dr. Martin Scherer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und des Expertenbeirates der Stiftung Gesundheitswissen klärt im Interview über die Hintergründe von Corona-Tests auf und spricht sich gegen anhaltslose Tests aus. Er stellt aber auch klar: Ob tatsächlich eine Corona-Infektion vorliegt, kann nur ein Test zeigen.

In diesem Jahr bringt uns jeder Infekt in ein Dilemma. Sollte man sich bei Schnupfen oder Halsschmerzen auf SARS-CoV-2  testen lassen? Was raten Sie in dieser Situation?

Die Entscheidung zur Durchführung eines Tests ist in dieser besonderen Zeit sicherlich nicht einfach, da auch in den Medien sehr unterschiedliche Herangehensweisen vorgeschlagen werden. Ich rate, die Entscheidung nicht allein zu fällen. Bei einem Verdacht auf Atemwegsinfekt sollte man idealerweise mit dem Hausarzt gemeinsam entscheiden, was die nächsten Schritte sind. Hausärzte in Deutschland verfügen mittlerweile über einen breiten Erfahrungsschatz in der Coronadiagnostik.

Trotz allem sind viele Menschen verunsichert. Wann sollte man sich unbedingt testen lassen?

Zuerst einmal ist ein Test aufgrund von bundesweiten Regelungen angezeigt - einer positiven App-Meldung beispielsweise, der Einreise aus einem Risikogebiet oder wenn der Öffentliche Gesundheitsdienst einen Test veranlasst. Hier ist die Entscheidung bereits gefallen. Es bleibt dann nur zu klären, ob ein niedergelassener Arzt oder ein Testzentrum den Test durchführt. Anders verhält es sich, wenn man Krankheitssymptome hat, etwa einen Atemwegsinfekt oder Fieber. Den Hausarzt zu kontaktieren wäre hier der richtige Weg. So kann individuell entschieden werden, ob aufgrund des Gesamtbeschwerdebildes eine ausreichende Wahrscheinlichkeit für eine Coronainfektion vorliegt oder nicht. Bei sehr niedriger Wahrscheinlichkeit würde im Übrigen das Risiko für falsch-positive Befunde steigen.

Falsch-positiv? Gibt es also die Möglichkeit, dass der Test positiv ist, tatsächlich aber keine Infektion vorliegt? Woran liegt das?

Ja, diese Möglichkeit gibt es theoretisch. Im Übrigen kann es auch genau umgekehrt sein, das heißt, der Test ist negativ und man hat eine Infektion. Denn kein Test ist einhundertprozentig sicher. Im Alltag können verschiedene Fehlermöglichkeiten bei der Testung auftreten – beispielsweise durch falsche Abstrichtechniken, durch Verunreinigungen oder unsachgemäße Lagerung der Proben oder durch den falschen Zeitpunkt der Probenentnahme – z. B. wenn sich bei einer frisch infizierten Person das Virus noch nicht so stark vermehrt hat und damit noch nicht nachweisbar ist. Aber: Wenn ich Symptome habe und einen positiven Test, muss ich davon ausgehen, auch infiziert zu sein.

Nun tobte ein Expertenstreit darüber, wie sicher und zuverlässig diese Tests sind. Worüber streiten sich die Experten hier eigentlich?

Der bisher gebräuchlichste Corona-Test, der sogenannte PCR-Test, arbeitet mit einer Methode, die Genmaterial des SARS-CoV-2-Virus im Rachensekret von infizierten Personen nachweist. Dazu wird ein Abstrich aus dem Nasen-Rachenraum gewonnen, der dann in ein Labor geschickt wird. Im Labor wird mit dem PCR-Verfahren das Erbgut der Viren vervielfältigt, bis es gut nachweisbar ist.

In Qualitätsprüfungen für Labore wurde für die PCR-Untersuchung eine sehr hohe Testgenauigkeit ermittelt. Das heißt, 98,8 bis 99,7% aller positiven Proben wurden richtig erkannt und 98,6 % aller negativen Proben wurden als richtig-negativ erkannt. Allerdings beziehen sich diese Werte auf die Analysen im Labor. Leider gibt es keine Studien – bzw. uns sind keine bekannt – die die Testeigenschaften der PCR Tests im Alltag untersucht haben. Und hier genau streiten die Experten – während die Labormediziner und Virologen sehr sicher sind, dass ihre Labormethoden gut funktionieren, vermuten andere, dass die Alltagsprobleme dazu führen können, dass die Messgenauigkeit der Tests in der Realität doch nicht so zuverlässig ist, wie die Laborergebnisse nahelegen.

Wie steht es um gesicherte Erkenntnisse zu Covid-19?

Wir brauchen unbedingt mehr systematisch erfasste Daten, um beurteilen zu können, was tatsächlich passiert.

Prof. Dr. Martin Scherer

Wie lange dauert es, bis ein Testergebnis vorliegt?

Bis das Ergebnis eines PCR-Tests verfügbar ist, dauert es im Labor mindestens einige Stunden. Wenn Labore viel zu tun haben und nicht jede Probe sofort verarbeiten können, auch länger.

PCR-Tests sind aufwendig und dauern lange. Inzwischen sind Antigen-Schnelltests auf dem Markt, die in nur 15-30 Minuten erkennen sollen, ob jemand infiziert ist. Was halten Sie von solchen Tests?

Aktuell werden immer mehr Testverfahren entwickelt. Seit kurzem gibt es auch Corona-Schnelltests, die Partikel (Proteine) aus der Virushülle nachweisen. Ihr Ergebnis liegt nach ca. 15 Minuten vor. Nach Angaben der Hersteller sind auch diese Tests sehr genau.

Durch Antigen-Schnelltest werden praktisch nur diejenigen positiv getestet, die eine hohe Viruslast haben und mutmaßlich ansteckend sind. Der Test identifiziert also infektiöse Patienten. Wenn er den Patienten vorbehalten bliebe, die symptomatisch sind, könnte er eine deutliche Verbesserung und Beschleunigung gegenüber dem aktuellen Labor-PCR-Verfahren darstellen. Auch dass ein symptomatischer COVID-Patient im Schnelltest negativ erscheint, ist äußerst unwahrscheinlich. Für das Screening asymptomatischer Patienten allerdings weist der Antigen-Schnelltest Nachteile gegenüber dem Labor-PCR-Verfahren auf. Patienten mit noch niedriger Viruslast könnten im Schnelltest falsch negativ klassifiziert werden. Allerdings sehe ich anlasslose Tests ohnehin kritisch.

Und wenn ich mich nicht testen lassen möchte – kann mich jemand dazu zwingen?

Nicht bei gesundheitlichen Problemen. Sollten Sie jedoch bestimmte Kriterien erfüllen, zum Beispiel Reiserückkehrer aus einem Risikogebiet sein, dann können Verordnungen greifen. Oder nehmen wir die 14-tägige Quarantäne: Die können Sie nur mit einem negativen Test verkürzen. Zwingen kann Sie niemand.

In den letzten Wochen hat die Anzahl der Neuinfektionen pro Tag wieder stark zugenommen. Was raten Sie uns für den Herbst?

Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Die beste Methode, um das Risiko deutlich zu reduzieren, ist das Einhalten der länderspezifischen Verordnungen und der sogenannten AHA-Regel. Das heißt, auf Abstand, Hygiene und Alltagsmaske achten. Zur Vorbeugung kommt jetzt im Herbst auch das richtige Lüften hinzu. Risikogruppen können sich beispielsweise auch gegen Grippe impfen lassen.

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