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Diabetes Typ 2

Hilft eine Behandlung mit Liraglutid und Metformin?

Studiencheck

Reicht die Basistherapie  nicht aus, um die Blutzuckerwerte zu senken, können zusätzlich Diabetes-Medikamente in Betracht gezogen werden. In der Regel beginnt man mit dem Medikament Metformin. Lassen sich auch dadurch die Behandlungsziele nicht erreichen, können weitere Medikamente hinzukommen – zum Beispiel Liraglutid. Es wird zusätzlich zu Metformin eingenommen. Bei manchen Menschen kann die Diabetes-Behandlung auch direkt mit der Kombination aus Liraglutid und Metformin beginnen. Das sind zum Beispiel Menschen mit Diabetes, die zusätzlich eine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben. 

Liraglutid ist ein Diabetes-Medikament aus der Wirkstoffklasse der GLP-1-Analoga. Sie ahmen die Wirkung eines körpereigenen Hormons nach und sorgen u. a. dafür, dass die Bauchspeicheldrüse nach der Nahrungsaufnahme Insulin freisetzt. Dadurch wird mehr Zucker aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen und der Blutzuckerspiegel sinkt. Liraglutid wird nicht als Tablette eingenommen, sondern muss einmal täglich mit einem Pen ins Unterhautfettgewebe gespritzt werden.

Welchen Nutzen hat die Behandlung mit Liraglutid zusätzlich zu Metformin? Welche Nebenwirkungen können dabei auftreten? Wir haben uns anhand einer randomisiert-kontrollierten Studie die Studienlage für Menschen mit Diabetes Typ 2 angeschaut. 
 

Kurz zusammengefasst

Wie waren die Studien aufgebaut?
Der Nutzen einer Behandlung mit Liraglutid zusätzlich zu Metformin wurde in einer randomisiert-kontrollierten Studie mit knapp 850 Personen untersucht. Eine Gruppe der teilnehmenden Personen bekam Metformin und zusätzlich Liraglutid in unterschiedlichen Dosierungen. Die andere Gruppe nahm nur Metformin ein.
 
Was sind die Ergebnisse?
Bei Personen, die Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekamen, sank der HbA1c-Wert nach zwei Jahren stärker als in der Kontrollgruppe. Bei einer Dosierung von 1,2 mg oder 1,8 mg verloren sie auch mehr Gewicht als Personen, die kein Liraglutid bekamen. Die Dosierung von 0,6 mg führte nicht zu einer stärkeren Gewichtsabnahme. Keine der drei untersuchten Liraglutid-Dosierungen führte zu einer zusätzlichen Verbesserung der Blutdruckwerte. 

Bei Personen, die zusätzlich zu Metformin Liraglutid spritzten, traten teilweise Nebenwirkungen auf. Dazu gehörten zum Beispiel Übelkeit oder Durchfall. Ob das Medikament aber tatsächlich die Ursache für diese Nebenwirkungen war, lässt sich nicht beurteilen. 

Wie verlässlich sind die Ergebnisse?
Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist stark eingeschränkt. Die Ergebnisse zum Nutzen einer zusätzlichen Behandlung mit Liraglutid stammen aus nur einer RCT. Die Studie hat eine geringe methodische Qualität. So wussten z. B. die teilnehmenden Personen ab der 26. Woche, welche Medikamente sie einnehmen. Das kann die Ergebnisse stark verzerren. 
Die Studie untersuchte nicht, welchen Einfluss die zusätzliche Einnahme von Liraglutid auf die Sterblichkeit hat oder ob sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern kann.

Was wurde untersucht? 

Eine randomisiert-kontrollierte Studie (RCT) untersuchte über einen Zeitraum von zwei Jahren, welchen Nutzen die Behandlung mit Liraglutid zusätzlich zu Metformin für Menschen mit Diabetes Typ 2 hat. Die teilnehmenden Personen wurden dazu in zwei Gruppen aufgeteilt:

  • Die eine Gruppe erhielt Metformin und zusätzlich Liraglutid. Die Dosierung von Liraglutid lag bei 0,6 mg, 1,2 mg oder 1,8 mg.
  • Die Kontrollgruppe bekam Metformin. In den ersten 26 Wochen bekamen die teilnehmenden Personen zusätzlich ein Scheinmedikament (Placebo). Danach nur noch das Metformin allein (Kontrollgruppe). 

Im Anschluss wurde überprüft, wie sich die zusätzliche Injektion von Liraglutid zu Metformin auf den HbA1c-Wert, den Blutdruck und das Körpergewicht der teilnehmenden Personen ausgewirkt hat. 

Nutzen der Behandlungsmethode

Wie verändert die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid den HbA1c-Wert?

Bei Personen, die Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekamen, sank der HbA1c-Wert stärker als bei Personen, die nur Metformin einnahmen. Das betraf alle drei untersuchten Liraglutid-Dosierungen (0,6 mg, 1,2 mg und 1,8 mg). 

Wie verändert die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid das Körpergewicht? 

Personen, die 1,2 mg oder 1,8 mg Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekamen, verloren mehr Gewicht als Personen, die nur Metformin einnahmen. Die Dosierung von 0,6 mg führte zu keinem Unterschied. 

Beeinflusst die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid den Blutdruck? 

Im Vergleich zu der Kontrollgruppe führte die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid zu keiner Senkung des Blutdrucks der teilnehmenden Personen. Das galt für alle drei untersuchten Liraglutid-Dosierungen (0,6 mg, 1,2 mg und 1,8 mg). 

Beeinflusst die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid die Cholesterinwerte?

Bei der Kontrollgruppe verringerte sich der HDL-Cholesterin-Wert im Laufe der Studie. HDL-Cholesterin wird als „gutes Cholesterin“ bezeichnet. Hier sind höhere Werte erwünscht. Bei Personen, die 0,6 mg Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekamen, traten dagegen keine Veränderungen auf. Welche Bedeutung dieser Unterschied tatsächlich für die Erkrankung hat, ist fraglich. 

Kann die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid die Sterblichkeit senken?

Diese Frage lässt sich derzeit nicht beantworten. Es wurden keine randomisiert-kontrollierten Studien gefunden, die dies im Vergleich zu alleiniger Metformin-Einnahme untersucht haben. 

Kann die zusätzliche Einnahme von Liraglutid Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern?

Diese Frage lässt sich derzeit nicht beantworten. Es wurden keine randomisiert-kontrollierten Studien gefunden, die dies im Vergleich zu alleiniger Metformin-Einnahme untersucht haben. 

Wie weiß man, ob eine Behandlung wirklich wirkt?

Um herauszufinden, ob ein neues Medikament auch tatsächlich die gewünschte Wirkung hat, wird es in medizinischen Studien untersucht. Lesen Sie hier, worauf es bei der Planung, Durchführung und Veröffentlichung solcher Studien ankommt.

Schaden der Behandlungsmethode

Welche Nebenwirkungen können durch die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid auftreten? 

Bei Personen, die Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekamen, traten teilweise häufiger Nebenwirkungen auf als in der Kontrollgruppe. Ob Liraglutid die tatsächliche Ursache dieser Nebenwirkungen war, lässt sich jedoch anhand der Studie nicht beurteilen. 

Übelkeit und Durchfall waren die Nebenwirkungen, die von den Teilnehmenden der Studie am häufigsten berichtet wurden. In der Gruppe, die Liraglutid zusätzlich zu Metformin bekam, trat die Übelkeit mit der Zeit seltener auf. Der Anteil der Personen, die die Studie aufgrund von Nebenwirkungen abgebrochen haben, war in der Liraglutid-Gruppe höher als in der Kontrollgruppe. 

Ein Teilnehmer, der zusätzlich zu Metformin 1,2 mg Liraglutid bekam, erlitt eine schwerwiegende Unterzuckerung, die er nicht allein bewältigen konnte. Bei einem weiteren Teilnehmer mit dieser Dosierung entzündete sich die Bauchspeicheldrüse während der ersten sechs Monate.

Über die Dauer der Studie wurden vier Todesfälle in der Liraglutid-Gruppe berichtet. Die Autorinnen und Autoren nahmen an, dass alle vier Todesfälle nicht mit dem Medikament zusammenhingen. Für die Kontrollgruppe wird nicht berichtet, ob Todesfälle aufgetreten sind.

Die Ergebnisse zum Nutzen einer zusätzlichen Behandlung mit Liraglutid stammen aus nur einer RCT. Das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist stark eingeschränkt, denn die Studie weist methodische Fehler auf. Zum einen waren in der Kontrollgruppe weniger Personen eingeschlossen als in der Liraglutid-Gruppe. Zum anderen brach im Laufe der zwei Jahre ein großer Teil der Kontrollgruppe die Studie ab, da die Behandlung nicht erfolgreich war. Anfangs waren die Teilnehmenden verblindet: Sie wussten also nicht, ob sie Liraglutid zusätzlich zu Metformin oder ein Scheinmedikament bekamen. Diese Verblindung wurde nach den ersten 26 Wochen aufgehoben. Danach wussten die Teilnehmenden, welche Medikamente sie bekamen. Damit können bestimmte Erwartungen an die Medikamente und ihre Wirkung entstehen. Das Risiko, dass die Ergebnisse dadurch verzerrt werden, wird als hoch eingestuft. 

Anhand der Studie lässt sich nicht beurteilen, wie sich die zusätzliche Behandlung mit Liraglutid auf die Sterblichkeit auswirkt oder ob sich dadurch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern lassen.

Die hier dargestellten Informationen beruhen auf den Ergebnissen aus einer randomisiert-kontrollierten Studie. Nutzen und Schaden von Liraglutid wurden in der Studie mit insgesamt 847 Teilnehmenden mit Diabetes Typ 2 untersucht. Die Personen, die an der Studie teilgenommen haben, waren zwischen 18 und 80 Jahre alt.

Die Studie untersuchte sowohl Männer als auch Frauen. Der HbA1c-Wert der Teilnehmenden lag zu Beginn der Behandlung im Schnitt bei etwa 8,4 %. Die Teilnehmenden hatten eingangs einen Body-Mass-Index von etwa 31. In den eingeschlossenen Studien wurden die Teilnehmenden für die Dauer von zwei Jahren beobachtet. 

Die Studie wurde in verschiedenen Ländern durchgeführt. 

Ausgangspunkt des Studienchecks bildete eine systematische Literaturrecherche in den relevanten Datenbanken. Gesucht wurde nach randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) sowie systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen aus RCTs, die zur Fragestellung passten. Anhand vorher festgelegter Kriterien wurde die vorgefundene Literatur von zwei Personen unabhängig voneinander gesichtet und geprüft. Nicht geeignete Studien wurden dabei ausgeschlossen. Aus den am Ende ausgewählten Studien wurden die Informationen zu Nutzen und Schaden entnommen, geprüft und zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt (Evidenzsynthese).

Die Informationen stellen keine endgültige Bewertung dar, sondern basieren auf den besten derzeit verfügbaren Erkenntnissen.

Was kann ich selbst zur Behandlung beitragen?

Je nach Krankheitsfortschritt, sind Medikamente unumgänglich, um Diabetes zu behandeln. Daneben können Sie aber auch selbst zu ihrer Behandlung beitragen, indem sie gesunde Lebensgewohnheiten fördern. Was dazu gehört, lesen Sie hier.

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Antidiabetika bei nachlassender Nierenfunktion [online]. 2017. https://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Artikel/201701/024h/index.php [22.02.2021].

Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes – Teilpublikation der Langfassung, 2. Auflage, Version 1. AWMF-Register-Nr. nvl-001 [online]. 2021. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-001m_S3_Typ_2_Diabetes_2021-03.pdf [27.05.2021].

Nauck M, Frid A, Hermansen K, Shah NS, Tankova T, Mitha IH et al. Efficacy and safety comparison of liraglutide, glimepiride, and placebo, all in combination with metformin, in type 2 diabetes: the LEAD (liraglutide effect and action in diabetes)-2 study. Diabetes Care 2009;32(1):84–90.

Nauck M, Frid A, Hermansen K, Thomsen AB, During M, Shah N, Tankova T, Mitha I, Matthews DR. Long-term efficacy and safety comparison of liraglutide, glimepiride and placebo, all in combination with metformin in type 2 diabetes: 2-year results from the LEAD-2 study. Diabetes Obes Metab 2013 Mar;15(3):204–12. 

Unsere Angebote werden regelmäßig geprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende Prüfung findet alle drei bis fünf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlägigen Expertenempfehlungen, z.B. des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin.

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Erstellt vom Team Stiftung Gesundheitswissen.

Wissenschaftliche Beratung:
Prof. Dr. Anke Steckelberg
Prof. Dr. Anke Steckelberg

Prof. Dr. Anke Steckelberg

Prof. Dr. phil. Anke Steckelberg studierte Lehramt Berufliche Schulen mit der Fachwissenschaft Gesundheit; promovierte in den Gesundheitswissenschaften zum Thema Evidenzbasierte Gesundheitsinformation und arbeitete danach an den Universitäten Hamburg und Bremen. Die Wissenschaftlerin forscht und lehrt zu den Themen evidenzbasierte Gesundheitsinformationen und kritische Gesundheitskompetenz. Sie ist seit 2016 als Professorin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig.

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Erstellt am: 03.07.2021