Die Panikstörung und die Agoraphobie sind zwei verschiedene Angsterkrankungen, die häufig gemeinsam auftreten. Es gibt wirksame Therapien, mit denen sich die Beschwerden in vielen Fällen lindern oder manchmal sogar ganz in den Griff bekommen lassen. Erfahren Sie mehr über die Ziele und Möglichkeiten der Behandlung bei Panikstörung und Agoraphobie.
Panikstörungen oder Agoraphobien beeinflussen den Alltag und die Lebensqualität Betroffener und ihrer Familien in ganz unterschiedlichem Maße. Dies hängt vom Schweregrad dieser Angststörungen und der individuellen Lebenssituation ab. Haben Betroffene beispielsweise einen Beruf, der mit Meetings, Veranstaltungen oder Reisetätigkeit verbunden ist, kann eine Agoraphobie zur Arbeitsunfähigkeit führen. Andere Betroffene verlassen wegen ständiger schwerer Panikattacken die Wohnung oder das Haus nicht mehr. Eine Behandlung ist ratsam, wenn jemand sehr unter der Angststörung leidet, Schwierigkeiten im Alltag hat oder wenn die Angst zu weiteren Problemen führt, etwa einer Sucht.
Je nachdem, wie stark die Beschwerden sind und welche Einschränkungen die Patienten erleben, können unterschiedliche Behandlungsziele im Vordergrund stehen.
Die Therapiemaßnahmen können darauf abzielen:
Agoraphobien und Panikstörungen werden vor allem mit Psychotherapie, mit Medikamenten oder einer Kombination aus beidem behandelt. Die Hausärztin, der Hausarzt kann Betroffene bei der Entscheidung unterstützen, welche Behandlungsmethode am besten geeignet ist. Wichtig bei der Wahl der Behandlung sind die persönlichen Bedürfnisse und Wünsche der Betroffenen. Dazu wird bei einem ärztlichen Aufklärungsgespräch besprochen, wie schnell und wie lange die Behandlung wirkt, welche Nebenwirkungen auftreten können und wie gut die Behandlung verfügbar ist.
Bei einer Psychotherapie kommen unterschiedliche Verfahren in Betracht. Dazu gehören zum Beispiel die kognitive Verhaltenstherapie und ihre spezielle Unterform, die sogenannte Expositionstherapie. Die psychodynamische Therapie ist ein weiterer möglicher psychotherapeutischer Ansatz.
Dr. Jens Plag, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretender Leiter der Angstambulanz an der Berliner Charité, fasst in den folgenden Videos zusammen, welche Inhalte und Ziele die verschiedenen Therapien bei Angststörungen haben, was die Patientinnen und Patienten erwartet und worauf sie sich im Vorfeld einstellen können.
Was ist bei den unterschiedlichen Therapien zu beachten?
Psychotherapeutische Behandlungen
Eine kognitive Verhaltenstherapie besteht aus mehreren Bausteinen. Wir haben zunächst eine sogenannte Psychoedukation, wo der Patient etwas über die Erkrankung erfährt. Wo kommt sie her? Wie entsteht sie? Warum gerade bei mir?
Dann schließt sich der kognitive Anteil an. Man bespricht auslösende Faktoren und Bewertungen, die beim Patienten dafür sorgen, dass das Stresslevel konstant oben bleibt und dadurch letztendlich die Wahrscheinlichkeit zur Auslösung einer Angstreaktion deutlich gesteigert wird.
Den wissenschaftlich fundierten zentralen Teil der kognitiven Verhaltenstherapie stellt die sogenannte Konfrontations- oder Expositionstherapie dar, wo der Patient idealerweise in Begleitung eines Therapeuten die angstauslösende Situation aufsucht und die Angst kontrolliert aushält.
Wir wissen, dass das sehr anstrengend für den Patienten ist. Man muss sich vorstellen, man konfrontiert sich mit der Angst, die man ja eigentlich vermeiden möchte. Aber wir sagen immer: Vermeiden Sie die Vermeidung!
Was kurzfristig hilft, ist nicht langfristig wirksam. Und deshalb ist der Motivationsaufbau, die motivationale Arbeit des Therapeuten mit dem Patienten, ein ganz entscheidender Wirkfaktor.
Hinsichtlich der Wirksamkeit der Psychotherapie sind zwei Komponenten wichtig. Einmal die Wahl des richtigen Verfahrens und wenn Sie dann mit dem Therapeuten noch gut klarkommen, dann haben Sie eigentlich die beste Grundlage dafür geschaffen, dass die Angst auch in einem relativ überschaubaren Zeitraum besser werden kann.
Weitere Informationen finden sie unter www.stiftung-gesundheitswissen.de
Wissen ist gesund.
Behandlung durch Konfrontation
In der Expositions- oder Konfrontationstherapie geht es darum, dass der Patient mit dem Therapeuten in die angstauslösenden Situationen geht.
Wie muss man sich den Angstverlauf in einer angstauslösenden Situation vorstellen?
Stellen wir uns eine Grafik vor, auf der senkrechten Achse ist das Angstniveau, also die Ausprägung der Angst, aufgetragen und auf der waagerechten die Zeit, in der man in der angstauslösenden Situation verbleibt. Man geht hinein, z. B. in eine U-Bahn oder in einen Fahrstuhl, und die Angst steigt an.
Viele Patienten wenden dann Sicherheitsverhalten an, das heißt, sie trinken kaltes Wasser, sie lenken sich mit Musik ab, sie denken Zahlenreihen durch oder Ähnliches. Dann entsteht ein Angstverlauf, der sich dadurch auszeichnet, dass die Angst ein bisschen ansteigt, dann wieder abfällt, dann wieder ansteigt, wieder abfällt – wie eine kleine Wellenfunktion.
Wenn dann die angstauslösende Situation vorbei ist – fällt sie ab! In der Expositionstherapie versuchen wir genau dieses Sicherheitsverhalten auszuschalten. Das heißt: Der Therapeut bringt die Patienten dazu, die Angst unter Ausschaltung des Sicherheits- und Vermeidungsverhaltens ansteigen zu lassen bis zu einem Punkt, wo sie von ganz alleine abfällt. Das nennt man Habituation oder Gewöhnung.
An diesem Punkt wird die Grundbefürchtung, die Angst wird ins Unendliche ansteigen, korrigiert. Ganz zentral bei der Exposition ist das Aushalten der Angst. Nur wenn man den Angstanstieg ganz bewusst erlebt, tritt eine sogenannte „korrigierende Erfahrung“ ein. Der Patient erlebt, dass die von ihm befürchteten Katastrophen „Ich falle in Ohnmacht!“, „Ich krieg einen Schlaganfall!“ oder Ähnliches nicht eintritt. Diese Erfahrung bildet sich direkt biologisch im Gehirn ab.
Wiederholt man diese Technik möglichst zeitnah hintereinander, erreicht man, dass der Angstanstieg immer flacher wird und der Umschlagpunkt immer früher kommt. Das heißt, die Kurve flacht nach und nach ab, bis man idealerweise auf der Nulllinie ist.
Weitere Informationen finden sie unter www.stiftung-gesundheitswissen.de
Wissen ist gesund.
Behandlung mit Antidepressiva
In der medikamentösen Behandlung von Angsterkrankungen stehen sogenannte Antidepressiva im Vordergrund. Gegenwärtig geht man davon aus, dass durch eine Erhöhung des Serotonins (Botenstoff), was durch die Antidepressiva bewerkstelligt wird, eine Deaktivierung des sogenannten Angstnetzwerks im Gehirn erfolgt. Das Angstnetzwerk ist ein Verbund von Hirnstrukturen, die an der Wahrnehmung, Bewertung und Reaktion auf Stress oder angstauslösende Außeneinflüsse beteiligt sind.
Prinzipiell sind Antidepressiva gut verträglich. Wenn Nebenwirkungen auftreten, dann meist nur in der Eindosierungsphase, also innerhalb der ersten 14 Tage der Einnahme. Für Patienten ist es wichtig zu wissen, dass Antidepressiva nicht sofort wirken. Das heißt, man muss sie eine Weile einnehmen, die Konzentration im Blut muss steigen, dann müssen sie vom Blut in das Gehirn übertreten und dann in den Bereichen wirken, wo sie wirken sollen. Das dauert seine Zeit. Man geht davon aus, dass frühestens eine Wirksamkeit nach 3 bis 4 Wochen, manchmal auch nach 5 bis 6 Wochen erst eintreten kann.
Weitere Informationen finden sie unter www.stiftung-gesundheitswissen.de
Wissen ist gesund.
Ziel der kognitiven Verhaltenstherapie ist es, Denkmuster, die die Angst unterstützen, zu erkennen und zu verändern. Dadurch soll sich die Angst in angstauslösenden Situationen verringern. Zum Beispiel könnte eine Person mit einer Angsterkrankung eigentlich harmloses starkes Herzklopfen als „Anzeichen für eine Herzerkrankung“ bewerten. Diese ungünstige Bewertung kann schließlich Angst auslösen. Ziel der Behandlung ist es, bei der Patientin, dem Patienten eine passendere Neubewertung der Situation zu erreichen, zum Beispiel: „Das Herzklopfen ist eine normale Reaktion auf körperliche Anstrengung.“
Dies kann durch die Vermittlung von Wissen über die Angsterkrankung und vor allem eine sogenannte Expositionstherapie geschehen, bei der sich Betroffene bewusst und therapeutisch begleitet in Angstsituationen hineinbegeben. Die Therapie kann auch einen angemessenen Umgang mit Stress vermitteln.
Die Dauer der kognitiven Verhaltenstherapie bei einer Panikstörung und/oder Agoraphobie ist abhängig von der Krankheitsschwere, den Begleiterkrankungen und den konkreten Lebensumständen. Studien zeigen, dass Verbesserungen in einem Zeitraum von 10 bis 25 Therapiestunden möglich sind. Die Anzahl der Sitzungen muss aber mit jedem Patienten persönlich geplant werden.
Was ist eine kognitive Verhaltenstherapie?
Eine kognitive Verhaltenstherapie ist eine nichtmedikamentöse Behandlungsmöglichkeit für seelische Erkrankungen. Der Begriff „kognitiv“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Erkennen“. Diese Therapie wird angewandt bei z. B. Depressionen, Angst-, Ess- oder Schlafstörungen und Suchterkrankungen, aber auch ergänzend zur Bewältigung schwerer Krankheiten.
Der Behandlungsansatz folgt der Annahme, dass wesentliche Verhaltens- und Denkmuster im Laufe eines Lebens erlernt werden – auch durch Erfahrungen. Wie dieses Beispiel zeigen soll:
Gedanken, Gefühle und Verhalten beeinflussen sich dabei gegenseitig. Mitunter können die daraus resultierenden Denk- und Verhaltensmuster problematisch werden und bei Betroffenen einen hohen Leidensdruck erzeugen. Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie werden gemeinsam mit einem Therapeuten Verhalten, Gedanken und Gefühle reflektiert, auf Angemessenheit überprüft und Alternativen erarbeitet, um den problematischen Verhaltensmustern entgegenzuwirken. Dazu gibt es verschiedene Techniken: wie Gedankenstopp, Modelllernen – also Lernen von anderen Menschen in einer Gruppe oder Exposition – also dem gezielten Aussetzen in eine problematische Situation.
Nach und nach werden die durch die Therapie erworbenen Bewältigungsmöglichkeiten erprobt und so Fähigkeiten entwickelt, um den Alltag wieder zu bewältigen. Wichtig für einen Therapieerfolg sind eine jeweils aktive Teilnahme Betroffener, der Wille, sich selbst zu verändern, Geduld sowie die Bereitschaft, auch schwierige Phasen während der Therapie zu bestehen. Eine gegenseitige vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten ist dafür die Grundlage.
Wissen ist gesund.
Eine Panikstörung lässt sich zum Beispiel mit einer kognitiven Verhaltenstherapie oder mit speziellen Medikamenten, sogenannten Antidepressiva, behandeln. Verschiedene Studien haben vergleichend untersucht, wie gut Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und eine kognitive Verhaltenstherapie die Symptome einer Angststörung lindern können.
Exposition bedeutet so viel wie „sich aussetzen“. Bei einer Expositionstherapie setzen sich Betroffene bewusst angstauslösenden Situationen aus. Sie werden dabei von der Therapeutin, vom Therapeuten begleitet, der bei den Expositionsübungen anwesend sein sollte.
Eine Expositionstherapie ist meist Teil einer umfassenden kognitiven Verhaltenstherapie. Sie kann bei einer Agoraphobie oder einer Panikstörung eingesetzt werden oder auch in Fällen, in denen beide Angststörungen zusammen auftreten. Eine Expositionstherapie kommt in Betracht, wenn Betroffene angstauslösende Situationen vermeiden. Sie soll erreichen, dass das Vermeidungsverhalten Schritt für Schritt wieder abgebaut wird.
Zunächst werden dabei gemeinsam mit dem Therapeuten, der Therapeutin die möglichen Hintergründe erarbeitet, die im persönlichen Fall zu der Angsterkrankung geführt haben können. Ebenso werden die Verhaltensmuster aufgedeckt, die dazu beitragen, dass die Angststörung weiter aufrechterhalten wird. Nach guter Vorbereitung begeben sich die Betroffenen dann schließlich direkt und bewusst in angstauslösende Situationen.
Besteht zum Beispiel bei einer Agoraphobie die Angst, U-Bahn zu fahren, kann U-Bahnfahren Bestandteil der Expositionstherapie sein. Die Konfrontation erfolgt entweder gedanklich oder die betroffene Person begibt sich tatsächlich in die angstauslösende Situation.
Bei einer Panikstörung tritt die Angst häufig zusammen mit bestimmten Körperreaktionen auf, zum Beispiel mit beschleunigtem Herzschlag oder Schwindel. In der Expositionstherapie werden diese Körperreaktionen deshalb durch gezielte Übungen bewusst ausgelöst. Dies können zum Beispiel Übungen sein, wie schnell Treppen zu laufen, sich auf einem Stuhl zu drehen oder durch einen Strohhalm zu atmen. Betroffenen sollen so lernen, die hervorgerufenen körperlichen Veränderungen klar den Übungen zuzuordnen. Im Idealfall helfen diese Erfahrungen in angstbesetzten Situationen, die körperlichen Symptome richtig einzuordnen und als ungefährlich zu erkennen. Es geht dabei darum, den Teufelskreis der Angst zu unterbrechen, der in eine Panikattacke führt.
Als weitere psychotherapeutische Möglichkeit zur Behandlung einer Panikstörung und/oder Agoraphobie kommt auch die psychodynamische Therapie in Betracht. Diese Behandlung geht davon aus, dass Angststörungen durch frühere Erfahrungen und unbewusste Konflikte entstehen und aufrechterhalten werden. Psychodynamische Verfahren zielen darauf ab, das Unbewusste bewusst zu machen. Sie setzt unter anderem auf das Erinnern und Wiederdurchleben verdrängter Erlebnisse.
Eine psychodynamische Therapie wäre eine Alternative zur kognitiven Verhaltenstherapie.
Die Krankenkassen bezahlen nur die psychotherapeutischen Verfahren, deren Wirksamkeit untersucht und nachgewiesen wurde. Man nennt sie auch „Richtlinienverfahren“. Zu den erstattungsfähigen Richtlinienverfahren gehören bei Panikstörung oder Agoraphobie derzeit die kognitive Verhaltenstherapie und ihre Unterform, die Expositionstherapie, und die tiefenpsychologische Therapie.
Für Menschen mit Angststörungen wie Agoraphobie und Panikstörungen stehen heute auch Angebote im Internet zur Verfügung. Dazu gehören zum Beispiel Online-Psychotherapieprogramme in Form von Webanwendungen oder Apps für Smartphone und Tablet. Sie sind beispielsweise bei längeren Wartezeiten auf einen Therapieplatz eine Möglichkeit, zeitnah Unterstützung zu bekommen, oder bieten sich auch ergänzend zu einer anderen Behandlung an. Laut Leitlinie stellen diese Angebote allerdings keinen Ersatz für die konventionelle Therapie dar. Online-Psychotherapieprogramme basieren zumeist auf den Ansätzen und Inhalten der kognitiven Verhaltenstherapie.
In der Regel besteht ein Onlineprogramm zur kognitiven Verhaltenstherapie aus verschiedenen Lerneinheiten (Modulen). Darin werden Nutzer und Nutzerinnen unter anderem über die Panikstörung und Agoraphobie aufgeklärt. Welche Beschwerden können zum Beispiel auftreten? Welche Faktoren können zur Entstehung beigetragen haben? Warum verfestigt sich die Störung oft? Welche Verhaltensmuster können dazu beitragen? Weitere Lerninhalte sind Übungen zum Selbstdurchführen, die erklärt und angeleitet werden. Sie sollen dabei helfen, die Angsterkrankung zu bewältigen.
Die meisten Online-Psychotherapieprogramme sind reine Selbsthilfeprogramme, die der Patient, die Patientin allein durchläuft. Manche Programme bieten aber auch Unterstützung und Feedback von Therapeutinnen und Therapeuten an.
Onlinetherapien können eine Psychotherapie nicht ersetzen. Nach aktuellem Stand der Forschung eignen sie sich deshalb nicht als eigenständige Behandlung. Sie können aber helfen, die Wartezeit für einen Therapieplatz zu überbrücken, oder begleitend zu einer Psychotherapie genutzt werden.
Bisher ist nicht ausreichend belegt, ob Onlinetherapien der Psychotherapie ebenbürtig sind. Zwar zeigen einige Studien, dass beide Behandlungsformen die Symptome einer Panikstörung in den ersten Wochen nach Beginn der Behandlung gleichermaßen lindern. Allerdings wurde nicht untersucht, wie lange diese Linderung anhält. Auch die Studien selbst sind nur bedingt aussagekräftig: So nahmen nur 239 Testpersonen an den Studien teil. Zudem waren die Psychotherapien und Onlinetherapien in den Studien sehr unterschiedlich. All dies schränkt die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ein. In den Studien erfolgte die Onlinetherapie per E-Mail oder telefonischem Kontakt zu einem Psychotherapeuten. Das ist nicht vergleichbar mit den Selbsthilfeprogrammen, die in Deutschland als Onlinetherapie angeboten werden.
Wie profitieren Menschen mit einer Panikstörung von einer internetbasierten kognitiven Verhaltenstherapie, verglichen mit Menschen, die noch keine solche Therapie erhalten haben, jedoch gerade darauf warten?
Unabhängig von den beschriebenen Selbsthilfe-Onlineprogrammen bieten einige Therapeuten und Therapeutinnen ihren Patientinnen und Patienten aber auch die Möglichkeit an, im Rahmen einer persönlichen psychotherapeutischen Behandlung Onlinesprechstunden durchzuführen, anstatt in die Praxis zu kommen. Der Therapeut, die Therapeutin ist dabei direkt („Face-to-Face“) zugeschaltet. Die Wirksamkeit dieser Angebote wurde hier nicht untersucht.
Manche Onlinetherapien sind als digitale Gesundheitsanwendung (Apps auf Rezept) zugelassen. Diese Therapien können von Ärzten oder Psychotherapeuten verordnet werden. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in diesem Fall die Kosten dafür. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt eine Liste der Apps, die zur Behandlung von Angststörungen zugelassen sind.
Sie möchten ein Programm verwenden, das nicht im DiGA-Verzeichnis steht? In diesem Fall müssen Sie selbst die Kostenübernahme mit ihrer Krankenkasse klären.
Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz wurde 2019 der Weg für die Einführung von sogenannten „Apps auf Rezept“ geebnet. Das heißt, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen für ausgewählte digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) die Kosten. Wie die DiGA zugelassen werden, wo man sie bekommt und was zu beachten ist – ein Überblick.
Angststörungen, wie die Agoraphobie und die Panikstörung, können auch mit Medikamenten behandelt werden. Grundsätzlich kommen bei einer Agoraphobie und/oder Panikstörung zwei Gruppen von Medikamenten in Betracht: Antidepressiva und in seltenen Ausnahmefällen Benzodiazepine.
Antidepressiva werden mit dem Ziel eingesetzt, die Häufigkeit der Angstattacken und die Schwere der Beschwerden zu mindern. Verordnet der Arzt oder die Ärztin ein Antidepressivum, nimmt man dieses in der Regel auch nach Besserung der Angstbeschwerden noch 6 bis 12 Monate weiter ein, um Rückfälle zu verhindern. Die gewünschten Wirkungen von Antidepressiva können manchmal erst verzögert, einige Wochen nach Einnahmebeginn, einsetzen. Laut der ärztlichen Leitlinie eignen sich Antidepressiva daher nicht zur kurzfristigen Behandlung akuter Angstbeschwerden. Sie werden zur längerfristigen Behandlung der Agoraphobie oder Panikstörung eingesetzt. Im Arzt-Patienten-Gespräch können sich Patientinnen und Patienten über die Besonderheiten bei Einnahme von Antidepressiva informieren.
Bei akuten Angstzuständen, zum Beispiel bei häufigen schweren Panikattacken, helfen unter Umständen auch Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine. Diese angstlösenden Medikamente können jedoch abhängig machen und zu schweren Nebenwirkungen wie Benommenheit, Bewegungsstörungen oder auch Desorientiertheit führen. Trotz der möglichen Wirksamkeit der Benzodiazepine bei Panikstörungen raten die ärztlichen Behandlungsleitlinien daher von ihrem Einsatz ab.
Zur Behandlung von Angststörungen wie der Panikstörung oder Agoraphobie können unterschiedliche Antidepressiva eingesetzt werden:
Der Einsatz von Antidepressiva beruht auf der Annahme, dass bei Krankheiten wie Angststörungen oder Depressionen ein Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn eine Rolle spielt. Botenstoffe ermöglichen die reibungslose Signalübertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn. Zu diesen Botenstoffen gehören Serotonin, Noradrenalin und Dopamin, alle zusammen werden auch Monoamin-Neurotransmitter genannt.
Antidepressiva sorgen dafür, dass wieder mehr von diesen Botenstoffen verfügbar sind. Sie entfalten ihre Wirkung in der Regel außerhalb der Gehirnzellen, in dem schmalen Spalt zwischen zwei Nervenzellen.
Einige Antidepressiva beeinflussen zielgerichtet einzelne Botenstoffe, zum Beispiel die bei Depressionen und Angststörungen häufig verschriebenen selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Sie verhindern, dass der Botenstoff Serotonin in die Nervenzellen aufgenommen wird. So kann mehr Serotonin im Bereich zwischen den Nervenzellen bleiben und der Botenstoff seine Wirkung verstärkt entfalten.
Ein Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wirkt in gleicher Weise für den Botenstoff Noradrenalin.
Andere Antidepressiva, wie zum Beispiel trizyklische Antidepressiva, wirken auf mehrere Botenstoffe gleichzeitig.
Als Antidepressiva bezeichnet man verschiedene rezeptpflichtige Medikamente, die vor allem zur Behandlung von seelischen Erkrankungen, aber auch bei körperlichen Beschwerden eingesetzt werden.
Die Bezeichnung Antidepressiva entstammt dem lateinischen Wort „antidepressare“, wobei „pressare“ für „niederdrücken“ steht und „anti“ für „gegen“.
Antidepressiva beeinflussen vorwiegend Vorgänge im Gehirn und darüber auch Gefühle und unser Verhalten. Die Weitergabe von Informationen im Gehirn erfolgt an den Kontaktstellen der Nervenzellen, unter anderem durch Botenstoffe. Das kann man sich stark vereinfacht so vorstellen:
Man geht davon aus, dass seelische Erkrankungen und eine gestörte Informationsweitergabe miteinander zusammenhängen, etwa bei einem Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe. Mit Hilfe von Antidepressiva wird unter anderem versucht, das Gleichgewicht der Botenstoffe wiederherzustellen. Dadurch können die Symptome der jeweiligen Krankheit spürbar abgemildert werden.
Betroffene bemerken z. B., dass sich ihre Stimmung verbessert, dass sie sich ruhiger fühlen oder dass sie einen gesteigerten Antrieb verspüren.
Zu beachten ist: Es kann zu Beginn der Einnahme zu einer Verschlimmerung der Symptome kommen. Und es kann bis zu sechs Wochen dauern, bis die gewünschte Besserung eintritt. Je nach Medikament können unangenehme bis gesundheitsgefährdende Nebenwirkungen auftreten. Diese reichen von Gewichtszunahme und Schlafstörungen über Unruhe und sexuelle Funktionsstörungen bis hin zu verstärkten Suizidgedanken.
Deshalb ist es wichtig, dass Betroffene sich ab Behandlungsbeginn auch selbst beobachten und Auffälligkeiten dem Arzt mitteilen. Im gesamten Verlauf der Therapie werden unter anderem die Art der Beschwerden, Verträglichkeit, Nebenwirkungen, aber auch Patientenwünsche nach Absetzung berücksichtigt und das weitere Vorgehen angepasst.
Wissen ist gesund.
In Studien wurde untersucht, welchen Nutzen haben Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) im Vergleich zu einem Scheinmedikament (Placebo) bei der Behandlung von Erwachsenen mit einer Panikstörung?
Bei der Einnahme von Antidepressiva sind verschiedene Aspekte zu beachten. Diese können Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin besprechen:

Bei der Einnahme von Antidepressiva können Nebenwirkungen auftreten. Die ärztliche Leitlinie zur Behandlung von Angststörungen nennt als mögliche Nebenwirkungen unter anderem Störungen der Sexualität, Unruhe und Schlaflosigkeit, Gewichtszunahme, Schwindel und Bewegungsstörungen oder auch Herzrhythmusstörungen und erhöhten Blutdruck. Manche Nebenwirkungen bessern sich mit der Zeit oder verschwinden ganz. Sie können sich bei Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin informieren, welche Nebenwirkungen bei den möglichen Antidepressiva im Vordergrund stehen. Wenn Sie Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Einnahme von Antidepressiva beobachten, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin.

Die Einnahme von Antidepressiva kann auch zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen. Daher ist es ebenfalls eine wichtige Information für den Arzt, die Ärztin, dass Sie noch andere Medikamente einnehmen oder anwenden.
Auch sollen Antidepressiva nicht abrupt, von heute auf morgen, abgesetzt werden. Denn dadurch können unerwünschte Wirkungen, sogenannte Absetzphänomene, auftreten. Dies können je nach eingenommenem Antidepressivum Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, grippeähnliche Beschwerden, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Herzrasen oder auch Panikattacken und zahlreiche weitere unerwünschte Wirkungen sein. Das Absetzen soll daher in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt erfolgen, wobei die einzunehmende Dosis bis zum endgültigen Weglassen des Medikamentes über einige Monate hinweg schrittweise gemindert wird. Dieses sogenannte Ausschleichen der Medikamente soll Absetzphänomene verhindern. Ganz auszuschließen sind diese jedoch nicht.
Es kann ebenfalls dazu kommen, dass die Panikstörung oder Agoraphobie nach Absetzen des Antidepressivums wiederauftritt – entweder sofort oder nach einigen beschwerdefreien Monaten. Diese Phänomene werden auch Rückfallphänomene genannt. Sie lassen sich minimieren, wenn das Antidepressivum nicht abrupt abgesetzt, sondern die Dosis in Absprache mit dem Arzt Schritt für Schritt „ausgeschlichen“ wird.
In manchen Fällen dürfen bestimmte Antidepressiva gar nicht eingesetzt werden, zum Beispiel in der Schwangerschaft.
Angststörungen wie die Panikstörung und die Agoraphobie verändern das Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Antworten auf häufige Fragen sowie Anregungen zum Umgang mit der Erkrankung finden Sie im Bereich
Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.
Andersson G, Carlbring P, Titov N, Lindefors N. Internet Interventions for Adults with Anxiety and Mood Disorders: A Narrative Umbrella Review of Recent Meta-Analyses. Can J Psychiatry 2019; 64(7):465–70. doi: 10.1177/0706743719839381.
Bandelow B, Aden I, Alpers GW et al. Deutsche S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen; Version 2.0 - AWMF-Register-Nr. 051-028; 2021.
Craske MG, Stein MB. Anxiety. Lancet 2016; 388(10063):3048–59. doi: 10.1016/S0140-6736(16)30381-6.
DeGeorge KC, Grover M, Streeter GS. Generalized Anxiety Disorder and Panic Disorder in Adults. Am Fam Physician 2022; 106(2):157–64.
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) (Hrsg.). Hausärztliche Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Angst: DEGAM-Praxisempfehlung; 2021. Verfügbar unter: https://www.degam.de/degam-praxisempfehlungen [06.05.2025].
Fava GA, Benasi G, Lucente M, Offidani E, Cosci F, Guidi J. Withdrawal Symptoms after Serotonin-Noradrenaline Reuptake Inhibitor Discontinuation: Systematic Review. Psychother Psychosom 2018; 87(4):195–203. doi: 10.1159/000491524.
Henssler J, Heinz A, Brandt L, Bschor T. Antidepressant Withdrawal and Rebound Phenomena. Dtsch Arztebl Int 2019; 116(20):355–61. doi: 10.3238/arztebl.2019.0355.
Hoyer J, Knappe S. Klinische Psychologie & Psychotherapie. Berlin, Heidelberg: Springer; 2020.
Olthuis JV, Watt MC, Bailey K, Hayden JA, Stewart SH. Therapist-supported Internet cognitive behavioural therapy for anxiety disorders in adults. Cochrane Database Syst Rev 2016; (3):CD011565. doi: 10.1002/14651858.CD011565.
Unsere Angebote werden regelmäßig geprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende Prüfung findet alle drei bis fünf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlägigen Expertenempfehlungen, z.B. des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin.
Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.
Die Stiftung Gesundheitswissen hat das Ziel, verlässliches Gesundheitswissen in der Bevölkerung zu stärken. Die an der Erstellung unserer Angebote beteiligten Personen haben keine Interessenkonflikte, die eine unabhängige und neutrale Informationsvermittlung beeinflussen.
Weitere Hinweise zum Umgang mit Interessenkonflikten finden Sie hier.
Alle unsere Angebote beruhen auf den derzeit besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie stellen keine endgültige Bewertung dar und sind keine Empfehlungen.
Weitere wichtige Hinweise zu unseren Angeboten finden Sie hier.
Aktualisiert am: 04.02.2026