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Online-Hilfe gegen Alkohol: Was bringen Selbsthilfe-Apps?

Online-Hilfe bei Alkohol: Für wen ist sie gedacht?

Online-Selbsthilfeprogramme zielen darauf ab, Menschen mit problematischem Alkoholkonsum dabei zu unterstützen, weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken. Sie dauern unterschiedlich lange und lassen sich selbstständig und von zu Hause aus anwenden. Für Menschen mit Alkoholabhängigkeit sind sie allerdings nicht geeignet. Wir haben uns die Wirksamkeit der drei im deutschsprachigen Raum verfügbaren Programme „Online Selbsthilfe Alkohol“, „Take Care of You (Alkcoach)“ und „Alcooquizz“ anhand der derzeit vorliegenden Ergebnisse aus randomisiert-kontrollierten Studien angesehen. 

Bei der „Online Selbsthilfe Alkohol“ handelt es sich um ein unbegleitetes Behandlungsprogramm, das auf einem Mobiltelefon, Tablet oder Computer genutzt werden kann. Es besteht aus vier Pfeilern, u. a. mit folgenden Inhalten: Die Nutzerinnen und Nutzer gewinnen einen Überblick über ihren Alkoholkonsum und setzen sich mit Unterstützung des Programms Ziele; sie erhalten Rückmeldung zur Trinksituation und zu Rückfallrisiken; sie erwerben Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit Alkohol; sie bekommen soziale Unterstützung durch ein Forum. Die Teilnehmenden können jederzeit auf das Selbsthilfeprogramm zugreifen. Es ist anonym und kostenlos. 

„Take Care of You“ aus der Schweiz und „Alkcoach“ aus Österreich sind die beiden Versionen eines Online-Selbsthilfeprogramms, das Menschen dabei unterstützen soll, ihren Alkoholkonsum einzuschränken. Dabei setzen sich die Nutzerinnen und Nutzer wöchentlich persönliche Ziele. Das Programm besteht aus acht Modulen sowie einem Konsumtagebuch. In den Modulen sollen die Nutzerinnen lernen, ihr Konsumverhalten zu verstehen und damit umzugehen. Sie bieten auch Lösungen für häufige Probleme und Herausforderungen, die die gesetzten Ziele der Nutzer gefährden. Das Konsumtagebuch dient dazu, einen Überblick über das eigene Trinkverhalten zu bekommen, die Selbstkontrolle zu unterstützen und Erfolgserlebnisse sichtbar zu machen. Das Programm ist anonym und kostenlos.

„Alcooquizz“ ist ein Online-Selbsthilfeprogramm in deutscher und französischer Sprache, das am Computer oder als App funktioniert. Nutzer und Nutzerinnen erfassen darin ihr Trinkverhalten sowie Konsequenzen, die sich daraus ergeben haben. Auf dieser Grundlage erstellt das Programm ein individuelles Feedback zum Alkoholkonsum im Vergleich zu anderen Personen der Altersgruppe, zur Wirkung des Alkohols, zu Blutalkoholgehalt und Kalorienmengen. Zudem erhalten die Teilnehmenden personalisierte Empfehlungen zu einem risikoarmen Trinkverhalten. Daneben bietet das Programm eine umfangreiche Datenbank mit Informationen rund um Alkohol und dessen Auswirkungen. Das Programm ist anonym und kostenlos und bietet die Nutzung ohne Registrierung an. 

Was wurde untersucht?

Ob die oben genannten Online-Selbsthilfeprogramme Betroffenen mit einem problematischen Konsum tatsächlich dabei helfen können, weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken, wurde in jeweils einer randomisiert-kontrollierten Studie (RCT) untersucht. Dafür wurden Erwachsene mit problematischem Alkoholkonsum per Zufall in folgende Gruppen aufgeteilt:

  • Die eine Gruppe erhielt Zugang zum jeweiligen Programm und wurde aufgefordert, es zu nutzen.
    • Das Programm „Online Selbsthilfe Alkohol“ sollte optimalerweise täglich für mindestens vier Wochen genutzt werden.
    • Das Programm „Take Care of You (Alkcoach)“ sollten die Teilnehmenden sechs Wochen nutzen und dabei ein bis zwei Module pro Woche erledigen.
    • Bei dem Programm „Alcooquizz“ erfolgte eine einmalige Nutzung an einem Tag.
  • Die andere Gruppe erhielt keinen Zugang zu dem Online-Selbsthilfeprogramm. Bei den RCTs zu „Online Selbsthilfe Alkohol“ und „Take Care of You (Alkcoach)“ wurde die Teilnahme nach drei bzw. sechs Monaten versprochen (Warteliste).

Nach drei Monaten („Online Selbsthilfe Alkohol“) bzw. sechs Monaten („Take Care of You [Alkcoach]“ bzw. „Alcooquizz“) wurden die Teilnehmenden u. a. zu ihrem aktuellen Alkoholkonsum befragt.

Die Ergebnisse auf einen Blick

Es liegen Hinweise vor, dass alle drei Online-Selbsthilfeprogramme dabei helfen können, den eigenen Alkoholkonsum zu verringern. Bei der Nutzung des Programms „Online Selbsthilfe Alkohol“ gibt es zudem Hinweise auf eine verbesserte Lebensqualität. 

Ob die Online-Selbsthilfeprogramme Nebenwirkungen haben, wurde nicht untersucht.

Einschränkung der Ergebnisse

Es liegt zu jedem Programm nur eine einzige Studie vor. Da Bedenken hinsichtlich der methodischen Qualität der Studien bestehen, ist die Aussagekraft der Ergebnisse eingeschränkt. Der langfristige Nutzen der Programme wurde nicht untersucht. In der Studie zu „Take Care of You (Alkcoach)“ wurden nur Personen mit risikoreichem Alkoholkonsum und Symptomen einer mittelschweren Depression untersucht, in der Studie zu „Alcooquizz“ ausschließlich junge Männer.

Helfen Selbsthilfe-Apps dabei, weniger Alkohol zu trinken?

Die Teilnehmenden der Programme in allen drei Studien tranken nach drei bzw. sechs Monaten weniger Alkohol als diejenigen, die keinen Zugang zum jeweiligen Programm erhielten.

Verbessern Selbsthilfe-Apps zum Thema Alkohol das Wohlbefinden?

Bestimmte Hinweise deuten darauf hin, dass die Teilnehmenden des Programms „Online Selbsthilfe Alkohol“ im Vergleich zur Kontrollgruppe nach drei Monaten eine höhere gesundheitsbezogene Lebensqualität aufwiesen.

In den Studien zu den beiden anderen Online-Selbsthilfeprogrammen wurden keine Ergebnisse zur Lebensqualität berichtet.

Können Selbsthilfe-Apps zum Thema Alkohol auch schaden?

Ergebnisse zu Nebenwirkungen der Online-Selbsthilfeprogramme wurden in den Studien nicht berichtet. Das schließt nicht aus, dass Nebenwirkungen auftreten können.

Es liegt nur jeweils eine Studie über die Wirksamkeit der einzelnen Programme vor. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist aufgrund von Bedenken hinsichtlich der methodischen Qualität dieser Studien eingeschränkt. 

Ob der Einsatz der Programme einen längerfristigen Nutzen hat, ist unklar.

An der Studie zu „Take Care of You (Alkcoach)“ nahmen nur Personen teil, die außer einem risikoreichen Alkoholkonsum auch zumindest moderate Symptome einer Depression aufwiesen. In der Studie zu „Alcooquizz“ wurden nur junge Männer untersucht. Dies könnte bedeuten, dass die Ergebnisse nicht auf alle Menschen, die diese Programme nutzen, übertragbar sind.

In den Studien zu „Online Selbsthilfe Alkohol“ / „Take Care of You (Alkcoach)“ wussten die Teilnehmenden der Kontrollgruppe, dass sie der Warteliste zugeordnet wurden und nach drei bzw. sechs Monaten einen Zugang zum jeweiligen Online-Programm bekommen würden. Dies könnte die Teilnehmenden entmutigt haben, bereits in dieser Zeit eine Reduktion des Alkoholkonsums anzugehen. Die unterschiedlichen Ergebnisse in den beiden Gruppen könnten daher auch in der jeweiligen Motivation begründet liegen anstatt in der speziellen Wirkung des Programms. 

Die hier dargestellten Informationen stammen aus insgesamt drei randomisiert-kontrollierten Studien. 

Die Studie zu „Online Selbsthilfe Alkohol“ wurde in den Niederlanden erhoben. Insgesamt nahmen in den beiden Studiengruppen 137 Erwachsene mit problematischem Alkoholkonsum teil, die mehr als 14 Standardgetränke pro Woche trinken. Ein Standardgetränk enthält in dieser Studie 10 g reinen Alkohol. Das entspricht etwa 0,25 l Bier oder etwas mehr als 0,1 l Wein. Der durchschnittliche Alkoholkonsum der Teilnehmenden lag zu Beginn der Studie zwischen 43 und 45 Standarddrinks pro Woche. Der Anteil der teilnehmenden Männer und Frauen betrug jeweils ungefähr die Hälfte. Es durften Personen zwischen 18 und 65 Jahren an der Studie teilnehmen, wobei das durchschnittliche Alter bei etwa 42 Jahren lag.

Die Studie zu „Take Care of You (Alkcoach)“ entstand in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Insgesamt nahmen in der Studiengruppe, die Zugang zum Programm erhielt, sowie in der Kontrollgruppe jeweils 234 Erwachsene mit problematischem Alkoholkonsum und einer gleichzeitig vorliegenden zumindest mittelschweren Depression teil. Der durchschnittliche Alkoholkonsum der Teilnehmenden lag zu Beginn der Studie bei 36 bis 39 Standarddrinks pro Woche. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmenden seit etwa 9 bis 10 Jahren einen riskanten Alkoholkonsum. Der Anteil der teilnehmenden Männer und Frauen betrug jeweils ungefähr die Hälfte. Personen ab 18 Jahren durften an der Studie teilnehmen, wobei das durchschnittliche Alter bei etwa 43 Jahren lag.

Die Studie zu „Alcooquizz“ wurde in der Schweiz durchgeführt. Insgesamt nahmen in den beiden Studiengruppen 737 junge Männer mit problematischem Alkoholkonsum teil. Der durchschnittliche Alkoholkonsum der Teilnehmer lag zu Beginn der Studie bei 9 bis 10 Standarddrinks pro Woche. Rund 85 Prozent von ihnen nahmen mindestens einmal pro Monat größere Mengen an Alkohol bei einer Gelegenheit zu sich (Binge-Drinking). Die Rekrutierung der Studienteilnehmenden erfolgte während der Tauglichkeitsuntersuchung zum Schweizer Heer, die im Alter von etwa 19 Jahren vorgeschrieben ist. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmer lag bei 20 bis 21 Jahren.

Die Informationen stellen keine endgültige Bewertung dar, sondern basieren auf den besten derzeit verfügbaren Erkenntnissen.

Ausgangspunkt des Studienchecks bildeten systematische Literaturrecherchen in den relevanten Datenbanken. Gesucht wurde nach randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) sowie systematischen Übersichtsarbeiten und Metaanalysen aus RCTs, die zur Fragestellung passten. Anhand vorher festgelegter Kriterien wurde die vorgefundene Literatur von zwei Personen unabhängig voneinander gesichtet und geprüft. Nicht geeignete Studien wurden dabei ausgeschlossen. Aus den am Ende ausgewählten Studien wurden die Informationen zu Nutzen und Schaden entnommen, geprüft und zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt (Evidenzsynthese).

Wir haben geprüft, für welche aktuell (Stand August 2024) in Deutschland verfügbaren Online-Selbsthilfeprogramme ohne gesundheitsprofessionelle Begleitung Studiendaten zur Wirksamkeit vorliegen und zu welchen Ergebnissen diese Studien kommen. Dabei wurde nach Programmen gesucht, die nicht nur Mitgliedern bestimmter Krankenkassen zugänglich sind. Studienergebnisse zu verfügbaren unbegleiteten Programmen liegen aktuell nur für drei Programme vor: „Online Selbsthilfe Alkohol“, „Take Care of You (Alkcoach)“ und „Alcooquizz“.
 

Quellen und Hinweise

Unsere Gesundheitsinformationen können eine gesundheitsbezogene Entscheidung unterstützen. Sie ersetzen nicht das persönliche Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin und dienen nicht der Selbstdiagnostik oder Behandlung.

AOK Nordost sk. Online Selbsthilfe Alkohol. Verfügbar unter: https://www.selbsthilfealkohol.de/Portal [03.01.2025].

Baumgartner C, Schaub MP, Wenger A et al. „Take Care of You“ – efficacy of integrated, minimal-guidance, internet-based self-help for reducing co-occurring alcohol misuse and depression symptoms in adults: Results of a three-arm randomized controlled trial. Drug Alcohol Depend 2021; 225:108806. doi: 10.1016/j.drugalcdep.2021.108806.

Bertholet N, Cunningham JA, Faouzi M et al. Internet-based brief intervention for young men with unhealthy alcohol use: A randomized controlled trial in a general population sample. Addiction 2015; 110(11):1735–43. doi: 10.1111/add.13051.

Blankers M, Koeter MW, Schippers GM. Internet therapy versus internet self-help versus no treatment for problematic alcohol use: A randomized controlled trial. Journal of Consulting and Clinical Psychology 2011; 79(3). doi: 10.1037/a0023498.

Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien. Alkcoach. Verfügbar unter: https://www.alkcoach.at/ [03.01.2025].

Schweizerisches Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung. Take Care of You. Verfügbar unter: https://www.takecareofyou.ch/ [03.01.2025].

Universitätsabteilung für Medizin und öffentliche Gesundheit des Universitätsspital Lausanne (CHUV). Alcooquizz. Verfügbar unter: https://www.alcooquizz.ch/de [03.01.2025].
 

Unsere Angebote werden regelmäßig geprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Eine umfassende Prüfung findet alle drei bis fünf Jahre statt. Wir folgen damit den einschlägigen Expertenempfehlungen, z.B. des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin.

Informationen dazu, nach welchen Methoden die Stiftung Gesundheitswissen ihre Angebote erstellt, können Sie in unserem Methodenpapier nachlesen.

Autoren und Autorinnen:
Anne Engler
Anne Engler

Anne Engler

Referentin Evidenzbasierte Medizin
Anne Engler ist Gesundheitswissenschaftlerin. Für die Stiftung erarbeitet sie mit den Methoden der evidenzbasierten Medizin Inhalte für multimediale Informationsangebote.
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Jannis Krupp
Porträtfoto von Jannis Lippisch

Jannis Krupp

Multimedia-Producer
Jannis Krupp studierte Multimedia Produktion. Für die Gesundheitsinformationen der Stiftung konzipiert er multimediale Formate und steuert deren Umsetzung.
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Lisa-Marie Ströhlein
Lisa-Marie Ströhlein

Lisa-Marie Ströhlein

Medical Writerin
Lisa-Marie Ströhlein studierte Medizinische Biologie mit dem Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Für die Stiftung bereitet sie komplexe medizinische Themen und Inhalte in laienverständlicher Sprache auf.
Wissenschaftliche Beratung:
Mag. (FH) Christine Loder

Mag. (FH) Christine Loder

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MSc Cornelia Krenn

MSc Cornelia Krenn

Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung, Medizinische Universität Graz
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Univ. Ass. Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch
Portrait Univ.Ass. Mag.rer.nat. Thomas Semlitsch

Univ. Ass. Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch

Mag. rer. nat. Thomas Semlitsch studierte Chemie mit dem Ausbildungsschwerpunkt Biochemie und Zellbiologie der Karl Franzens Universität Graz. Vor seiner Anstellung an der Medizinischen Universität Graz war er mehrere Jahre im Bereich Qualitätsmanagement und als Koordinator klinischer Studien an einer österreichischen Privatklinik tätig und absolvierte 2007 eine Post-Graduate Ausbildung zum Good Laboratory Practice (GLP) -Beauftragten für den Bereich analytisches Labor. Von 2008 bis 2014 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Research Unit „EBM Review Center“ der Medizinischen Universität Graz und von 2011 bis 2014 auch am Institut für Biomedizin und Gesundheitswissenschaften der Joanneum Research Forschungsgesellschaft tätig. Seit 2015 ist er als Univ. Assistent am Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung im Fachbereich Evidenzbasierte Medizin beschäftigt. Herr Semlitsch ist seit 2018 Fachbereichssprecher der Sektion Österreich und somit Mitglied des erweiternden Vorstands des Deutschen Netzwerks Evidenz basierte Medizin (DNEbM).

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Aktualisiert am: 20.04.2026